Vier thurgauer Parteien waren an der Presseorientierung für die Initiative «Ehe für alle» anwesend. Desirée Müller
08.09.2021 00:00
Parteien sagen «Ja, wir wollen!»
Noch selten standen so viele Thurgauer Parteien hinter einer Initiative
Vandalismus bei Plakaten ist während eines Abstimmungskampfs nicht selten. Die Initiative «Ehe für alle» löst im Thurgau jedoch ungewohnt starke Emotionen bei den Gegnern aus. Umso mehr freuen sich die Befürworter über die Unterstützung der Parteien. Am Donnerstag traf man sich für eine Medienorientierung in der Brauerei Sternen – die Pressevertreter blieben jedoch aus.
Frauenfeld Eva Büchi klickt eine Folie weiter in ihrer Powerpoint Präsentation und wirft einen Blick in die Runde. Das Publikum der Organisation QueerTG ist klein. Sehr klein. Die Relevanz solcher «Werbeveranstaltungen» sei bei den Medien wohl nicht sehr gross, sagte Christina Pagnoncini, Gemeindepräsidenten von Kemmental, kurz vor Beginn der Veranstaltung auf dem Parkplatz, wo sie vergeblich auf weitere Pressevertreter wartete. Dann gebe es wohl eine private Medienorientierung nur für die Kreuzlinger-Frauenfelder Nachrichten. Schade, wenn man bedenkt, wie gross der Aufwand für die Organisatoren war, um Vertreter vierer Parteien an einen Tisch zu bringen. Grüne, GLP, SP, FDP – alle stehen sie hinter der Initiative «Ja, Ehe für alle». Unter ihnen sind Nationalrat Kurt Egger, Kantonsrätin Corinna Pasche und Kantonsrat Gabrial Macedo zu Gast. Selten seien bei einer Abstimmung so viele Parteien gleicher Meinung gewesen.
Heiraten bringt Sichereit
Die Bilder auf der nächsten Folie zeigen, dass wohl unter der Bevölkerung nicht alle so denken. Verschnittene, bemalte, abgerissene Plakate und Banner sind darauf zu sehen. Eva Büchi blutet das Herz. Nicht, weil der Aufwand, diese wieder herzurichten sehr gross ist. Vielmehr trifft es sie und die ganze Community auf persönlicher Ebene. Man kann durchaus anderer Meinung sein, diese jedoch so kund zu tun, ist nicht schön. Stefan Klauer schüttelt bei den Bildern den Kopf. Der 29-jährige aus Kreuzlingen ist als Vertreter der Community zu Gast. Er geniesse es, von der Gesellschaft respektiert zu werden und mit seinem Partner händchenhaltend durch die Stadt zu laufen. Zu Heiraten wäre irgendwann der nächste Schritt. «Nebst dem emotionalen Wert würde mir eine Heirat Sicherheit schenken. Zum Beispiel, dass mein Partner in gesundheitlichen Notfallsituationen Entscheidungen über meine Behandlung treffen dürfte», wäre Klauer wichtig. Auch wäre eine Heirat ein Statement. «Ein Geständnis, dass man das Leben mit seiner Partnerin oder seinem Partner teilen möchte», so Eva Büchi.
Engagierte Wahlhelfer
Trotz des Vandalismus schauen die Parteivertreterinnen und Vertreter optimistisch der Wahl entgegen. «Als Mutter zweier Kinder in der Pubertät sind die sexuelle Identität sowie Lebensentwürfe ganz aktuelle Themen», sagt Kantonsrätin Sonja Wiesmann. «Ich wünsche meinen und allen anderen Kindern, dass sie die Wahl haben, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung wählen können, ob sie heiraten möchten oder eben nicht.» Vor dem Gesetzt soll nun endlich gleich werden, was es in der Realität schon lange keine Unterschiede mehr kennt, begann Christina Pagnoncini, CO-Präsidentin der GLP Thurgau und Kantonsrätin. «Regenbogenfamilien gehören längst zum gesellschaftlichen Leben dazu.» Das heutige Partnerschaftsgesetz für gleichgeschlechtliche Paare komme einer «Ehe zweiter Klasse» gleich. «Dies ist ungerecht und gehört aus dem Gesetz gestrichen», findet Pagnoncini.
Kinder brauchen Bezugspersonen
Dass das heutige Gesetz gleichgeschlechtlichen Paaren eine Adoption verbietet und diese von der Fortpflanzungsmedizin ausschliesst, sei diskriminierend. Der Präsident der FDP Thurgau, Gabriel Macedo sieht das genau so. «Die FDP. Die Liberalen Thurgau, hat mit grossem Mehr die Ja-Parole zur ‘Ehe für alle’ beschlossen und engagiert sich aus liberalen Gründen mit Überzeugung für die Vorlage», so Macedo. «Wieso sollte der Staat einigen Bürgerinnen und Bürgern ein Lebensmodell erlauben, anderen aber dasselbe verbieten», wirft Nationalrat und Präsident der Grünen Thurgau in die Runde. «Was Kinder brauchen, sind verbindliche Bezugspersonen. Die ‘Ehe für alle» ermöglicht verheirateten Frauenpaaren den Zugang zu Samenbanken in der Schweiz und die damit verbundene originäre Elternschaft beider Frauen», so Kantonsrätin Corinna Pasche. Somit sind sich die anwesenden Parteien für einmal einig und werden an der Urne einstimmig «Ja» zur Ehe für alle stimmen.
Desirée Müller