Alles Roger? Die Instruktoren Roman Bernhard und Gabi Sieger zeigen den Teilnehmenden eine Checkliste. sb
29.09.2021 19:21
Psychische Gesundheit ernst nehmen – Reden rettet Leben
Psychische Probleme sollen genauso betrachtet werden wie körperliche Leiden. Das ist eine der zentralen Botschaften der «ensa»-Kurse zur psychischen Gesundheit. Das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Thurgau bietet diese seit zwei Jahren an. Laien lernen dabei, bei psychischen Problemen Erste Hilfe zu leisten.
Weinfelden Die Zahlen sind erschreckend. Alle zehn Minuten versucht ein Mensch in der Schweiz, sich das Leben zu nehmen. Jede zweite Person leidet irgendwann in ihrem Leben einmal an einer psychischen Erkrankung. Doch obwohl Begriffe wie Burnout oder Depression in aller Munde sind, haftet diesen Erkrankungen ein vermeintlicher Makel der Schwäche oder sogar der Faulheit an. Darüber zu reden, eine solche Erkrankung zuzugeben, ist immer noch tabuisiert. Es liegt unter anderem an dieser Stigmatisierung, dass Betroffene oft viel zu spät Hilfe suchen. Bei Angststörungen beispielsweise dauert es in der Regel rund fünf Jahre, bis Menschen diese erkennen und Unterstützung suchen.
Die «ensa» Kurse zur psychischen Gesundheit wollen dieses Schweigen brechen. Den Teilnehmenden wird von Fachpersonen Grundwissen über psychische Erkrankungen und Krisen vermittelt. Sie lernen, diese zu erkennen und einzuschätzen, und auf Betroffene zuzugehen und Hilfe anzubieten. Die Kurse richten sich an Erwachsene oder Jugendliche. Zusatzmodule vertiefen Themen wie Gespräche über Suizidgedanken oder über selbstverletzendes Verhalten.
An diesem Donnerstagabend hören zehn Personen den Ausführungen von «ensa»-Instruktorin Gabi Sieger zu. Thema des Abends sind Angststörungen. «Dafür gibt es Hilfe wie bei einer Blinddarmentzündung», sagt Sieger. «Das ist die wichtige Botschaft. Betroffene können wieder gesund werden. Oder lernen, mit der Krankheit zu leben.» Viele würden sich nämlich nicht trauen, Hilfe zu suchen.
«Teufelskreis der Angst»
Die Teilnehmenden sind konzentriert und eifrig bei der Sache. Die Stimmung ist gelöst, viele haben sich Notizen gemacht und Zettel in das blaue «ensa» Handbuch gesteckt. Am Flipchart erläutert Roman Bernhard den «Teufelskreis der Angst». Der junge Mann war selbst einmal Teilnehmer. Als Fachexperte für Eingliederung im Sozialversicherungszentrum Thurgau wollte er sich Fachwissen für seinen Job holen. Er fand den Kurs so gut, dass er sich jetzt zum Instruktor weiterbilden lässt. «Es ist wichtig, über psychische Erkrankungen zu reden. Im besten Fall kann reden Leben retten», findet er. In Gruppen sollen die Teilnehmenden für jeden Buchstaben der Alphabets Symptome einer Angststörung finden, von A wie Alptraum über T wie Tremor bis zu W wie Weinen. Es ist das dritte, dreistündige Weiterbildungsmodul von vier. Depression und Suizidabklärung wurden bereits besprochen. «ensa» kommt übrigens aus den Sprachen der Aborigines und heisst «Antwort». In Australien wurde die Idee vor mehr als 20 Jahren entwickelt, das Konzept der Nothelferkurse auch auf psychische Leiden anzuwenden. Als Partnerorganisation von Pro Mente Sana führt das Rote Kreuz (eduQua zertifiziert) diese Kurse seit zwei Jahren durch. Sie richten sich an Laien, betont Gabi Sieger. «Aus den Teilnehmenden werden keine Mini-Therapeuten.» Sie erklärt, wie man das Gespräch sucht. «Ganz wichtig ist, dass man Probleme ernst nimmt, nicht bagatellisiert», sagt Sieger. Dann wird das Gelernte in einem Rollenspiel angewandt. Es geht um die Hausfrau, Mutter, Arbeits- und Vereinskollegin Emma. Sie berichtet beim gemeinsamen Mittagessen von diffusen Ängsten und Schlafstörungen. Den Einstieg zu finden, sei besonders schwer, sagt ein Teilnehmer. «Emma, darf ich dich etwas Persönliches fragen?», macht er nach einigem Überlegen behutsam den Anfang. Auf grünen und roten Zetteln notieren die anderen ihr Feedback. Für diesen Einstieg bekommt er ein grünes Häkchen.
Von Stefan Böker