Eine Wohnung in der Notherberge in Weinfelden.
18.08.2022 10:02
Rückzugsort für einen Neuanfang
Die Notherberge in Weinfelden öffnet am 3. September ihre Türen
Am Samstag, 3. September, veranstaltet die Notherberge an der Pestalozzistrasse 22 in Weinfelden einen Tag der offenen Tür. Bei einem Augenschein soll die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert werden. Darüber freuen sich unter anderem die Vorstandsmitglieder Thomas Diethelm und Armin Ruf - von Stunde eins an dabei - besonders.
Weinfelden Thomas Diethelm, welche Geschichten sind Ihnen seit der Eröffnung besonders in Erinnerung geblieben?
Eine Frau mittleren Alters erzählte davon, wie sie - nach einer schwierigen Zeit mit vielen Schicksalsschlägen und einem Burn Out - in der Sicherheit der Herberge schnell zur Ruhe gefunden habe und neuen Mut habe fassen können zu einer Neuorientierung. Und ein junger, psychisch angeschlagener Mann schätzt die Anonymität der Herberge. Man sei ihm in der Herberge mit grossem Respekt und Verständnis begegnet, habe ihn ‘sein lassen’. So habe er wieder Zutrauen zu Menschen finden können und jetzt sei er voller Zuversicht, dass Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Ist man immer wieder erschüttert, aus welchen Gründen Menschen in der Notherberge Obhut suchen? Menschen werden aus den unterschiedlichsten Gründen obdachlos, immer verbirgt sich dahinter ein schweres Schicksal, das einen betroffen macht. Da gibt es keine Abstumpfung, jedes Schicksal, jede dieser Geschichten erschüttert und berührt.
Warum denken Sie, dass das Angebot in Weinfelden so gut ankommt?
Menschen finden in der Herberge einen Rückzugsort, in einem geschützten Raum können sie sich finden und neu orientieren. Und sie finden Verständnis und eine gewisse Anonymität. Die Räumlichkeiten sind gewiss nicht luxuriös eingerichtet, aber sie sind sauber und würdevoll. Ein wichtiger Punkt: Die Hausleitung kümmert sich und hilft, Nachfolgelösungen zu finden. Und natürlich, das Angebot der Herberge kann rund um die Uhr – auch am Wochenende und nachts – in Anspruch genommen werden – und es ist kostengünstig. Und es ist ein wirkliches Bedürfnis: das zeigen die Auslastungszahlen von rund 90 Prozent. Auch wenn grundsätzlich die politischen Gemeinden für Sozialhilfe zuständig sind und dies auch tun, gibt es immer wieder Menschen, die durch alle Maschen fallen und in der Notherberge eine willkommene Bleibe finden und dafür unendlich dankbar sind.
Einzelne Kontakte bleiben, aber es werden keine Nummern ausgetauscht. Die meisten Nutzer wollen verständlicherweise in einer gewissen Anonymität bleiben. Suchten Gäste mehrmals Schutz oder bleibt man mit ihnen in Kontakt? Nur vereinzelt. Unsere Statuten erlauben ein Höchstaufenthaltsdauer von 3 Monaten bzw. 89 Tagen und dies höchstens einmal je Jahr. Dies wiederum hat mit Bestimmungen der politischen Behörden zu tun.
Erlebten Sie Reaktionen von Nachbarn und Passanten?
Nicht von Nachbarn und Passanten, jedoch wird die Herberge und ihr Angebot durch die Präsenz in den Medien und im Internet wahrgenommen und die Herberge erlebt viel Wohlwollen.
Merkt man als Anwohner, was für eine Aufgabe das Haus hat?
In der Nachbarschaft kennt man sicherlich den Standort der Notherberge. Von aussen sieht man kaum etwas und unsere Bewohnerinnen und Bewohner benehmen sich unauffällig. Bislang gab es keinerlei Beanstandungen aus der Nachbarschaft. Es ist gerade diese Unauffälligkeit, diese Anonymität, welche von den Nutzenden der Herberge gesucht und geschätzt wird.
Warum ist es wichtig, die Notherberge der Öffentlichkeit zu präsentieren?
Das Angebot ist noch zu wenig bekannt, soll einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden – auch soll die Öffentlichkeit für das gesellschaftliche Problem der Obdachlosigkeit sensibilisiert werden. Auch sollen die Leute einen Einblick erhalten, wie der Betrieb vor Ort funktioniert. Der Tag der offenen Tür soll aber auch helfen, zusätzliche Gelder zu generieren. Denn: Der Betrieb der Herberge verursacht jährliche Kosten in der Grössenordnung von 130'000 Franken (Miete für das Haus an der Pestalozzistrasse 22; Lohnkosten für Hausleitung und Mitarbeiterin; Nebenkosten), welche durch Mitgliederbeiträge und Spenden gedeckt werden müssen. Um die Existenz der Herberge nachhaltig zu sichern, braucht die Herberge noch zusätzliche Mitglieder, Gönner und Spender.
Interview: Desirée Müller