Ukrainische Flüchtlinge in der Sprachschule "Deutsch am See" in Kreuzlingen.
15.06.2023 11:54
S-Status kein Freifahrtschein
Deutschkurse für ukrainische Flüchtlinge
3000 Franken im Jahr haben ukrainische Flüchtlinge vom Kanton zugute, um Deutschkurse zu besuchen. Jede Gemeinde im Thurgau handhabt die Vergabe der Beträge anders. Silke Heit von «Deutschkurse am See» in Kreuzlingen hat das Gefühl, dass die Gemeinden Altnau und Tägerwilen «Machtspiele » treiben bei der Bearbeitung der Anträge. Wir haben mit den Beteiligten gesprochen.
Region «Es ist unsere Pflicht, genau hinzuschauen und zu entscheiden, welche Deutschförderungsmassnahme
in welchem Fall sinnvoll ist», sagt die Altnauer Gemeinderätin Monika Brauchli. Die Mailwechsel von ihr und Silke Heit sind lang. Viele der ukrainischen Flüchtenden, welche in Altnau leben, besuchen die Kurse von Heit in Kreuzlingen. Und das tun sie gerne und mit viel Erfolg. Heit kritisiert, dass die Gemeinde Altnau jedoch zu
«streng» sei mit der Vergabe der Anspruchsberechtigungen, schliesslich «muss nicht die Gemeinde für die Deutschkurse aufkommen, sondern die Flüchtlinge haben das Recht auf die 3000 Franken im Jahr», so die Deutschlehrerin.
«Es muss fair bleiben»
Monika Brauchli sieht die Sache etwas kritischer. «Es sind Steuergelder, die vergeben werden – unabhängig
davon, ob die Gemeinde oder der Kanton die Kosten zahlt - und nicht bei allen Ukrainerinnen und Ukrainern
ist der Besuch eines Deutschkurses notwendig.» Brauchli geht es bei dem Thema aber auch um die Fairness Flüchtenden aus anderen Staaten gegenüber. «Wir haben nicht nur Ukrainer in unserer Gemeinde.» In der Tat profitieren oder profitierten die ukrainischen Flüchtenden von gewissen Vorteilen wie eben die Unterstützungsbeiträge für die Deutschförderung. Die Aussenwahrnehmung der Bevölkerung den Ukrainern gegenüber sei nicht mehr so gefestigt wie zu Beginn des Krieges. Daher ist es laut Brauchli umso wichtiger, alle Flüchtlinge gleich zu behandeln, egal aus welchem Land sie stammen und die Anträge der Ukrainerinnen und Ukrainer nicht nur «durchzuwinken.» Für Silke Heit als Sprachschulleiterin bedeutet dies natürlich einen
grösseren bürokratischen Aufwand. Die Anträge müssen von Kurs zu Kurs neu bei der Gemeinde beantragt
und von dieser beim Kanton eingereicht werden. Der Schutzstatus S ist laut der Altnauer Gemeinderätin
jedoch nicht ein «Freipass», um Leistungen wie die Deutschkurse ohne individuelle Abklärung von Bedarf und aktueller Situation zu bewilligen. Manchmal sei auch nicht klar, wie lange ein ukrainischer Flüchtender noch in der jeweiligen Gemeinde bleibe und so kann sich laut Brauchli die Bearbeitungszeit verzögern. Heit lenkt ein, dass in
solch einem Fall die nicht besuchten Kurstage rückerstattet werden. Silke Heit kontaktierte den Kanton und bat um Rat: «Ich habe langsam keine Lust mehr, trotz allem Mitgefühl für unsere ukrainischen Teilnehmer, diesen übermässig grossen administrativen Aufwand mit den Zuständigen aus Altnau zu betreiben», schrieb sie dem Departement für Justiz und Sicherheit Migrationsamt. Die Reaktion war für Heit nicht befriedigend. So sei jede
Gemeinde autonom für die Vergabe der Beiträge verantwortlich und das Amt könne sich nicht zu konkreten
Fällen äussern.
Sprache und Integration laufen Hand in Hand
Ebenfalls hagelt es von Silke Heit Kritik an der Gemeinde Tägerwilen. «Die Flüchtlinge müssen anfangs alle
den gleichen Kurs, organisiert von der Gemeinde, besuchen. Unabhängig davon, welches Deutschniveau
sie mitbringen», so Silke Heit. Wir haben daraufhin das Gespräch mit dem Leiter der Sozialen Dienste, Christos
Kiossis gesucht. Dieser zeigte sich durchaus überrascht über Heits Äusserungen. Er bestätigt, dass Tägerwilen
eine eigene, ehemalige Primarlehrerin engagierte und seither dreimal die Woche jeweils zwei Deutschlektionen anbietet – finanziert durch den Kanton. Hier ginge es um mehr, als die Sprache zu erlernen. «Der regelmässige Unterricht bietet den ukrainischen Flüchtenden einen Ort, um sich zu treffen, Deutsch zu lernen und auch die
Kultur in der Schweiz zu verstehen», so Kiossis. Parallel unterstütze die Gemeinde die Flüchtlinge in der Integration und helfe beispielsweise bei der Erstellung von Bewerbungen. Alles laufe Hand in Hand: «Und wenn wir sehen, dass ein externer Deutschkurs Sinn macht für die berufliche Entwicklung, dann ermöglichen wir
dies den Ukrainerinnen und Ukrainern selbstverständlich.» Neu werden im Unterricht keine ukrainischen
Flüchtlinge mehr aufgenommen, welche bereits Vorkenntnisse mitbringen. Diese werden ab sofort direkt extern vermittelt, sofern für ihren Aufenthalt in der Schweiz relevant. So sei auch er wie Brauchli überzeugt, dass man sorgfältig mit den Steuergeldern umgehen müsse.
Wie auch die Gemeinde Altnau, arbeitete auch Christos Kiossis, Leiter Soziale Dienste der Gemeinde
Tägerwilen, bereits mit Silke Heit zusammen und bekam von den Kursbesuchenden positive Feedbacks. «Ihre Angebote eignen sich besonders für ambitionierte Teilnehmer.» Ihr Gang zur Presse goutiert er hingegen weniger. Ein Rentner habe andere Ziele als ein Student oder ein Stellensuchender und genau deshalb sei es wichtig,
die Bedürfnisse und das Niveau im Rahmen eines ersten internen Kurses zu evaluieren. Heit spricht konkrete
Fälle an, bei denen Flüchtende lieber direkt in einen höheren Kurs eingestiegen wären oder sich im Unterricht langweilten. Die Ausführungen beider schneiden sich hier und sind für uns nicht prüfbar. Doch Kiossis ist überzeugt vom Tägerwiler Vorgehen. «Unser Konzept hat sich bewährt. Ausnahmslos alle der Gemeinde Tägerwilen zugewiesenen Personen besuchen einen Deutschkurs.» Die Schüler sind laut Kiossis begeistert, loben die Lehrerin in höchsten Tönen und möchten unbedingt dranbleiben. «Weniger ambitionierte Personen haben somit die Möglichkeit das ganze Jahr über in die Schule zu gehen. Das gibt Ihnen Struktur und Beschäftigung. Aber vor allem ein wertschätzendes Umfeld, sich über die Sprache und die Kontakte möglichst gut in unsere Gesellschaft zu integrieren.» Silke Heit sieht das Verhalten der beiden Gemeinden dennoch in einigen
Fällen als «Machtspiel».
Von Desirée Müller