13.12.2023 23:45
Schickte die Ehefrau Killer?
Ende Februar beginnt das Strafverfahren im mutmasslichen Mord vom Barchetsee
Durchbruch in einem bereits zu den Akten gelegten Fall: Mehr als 15 Jahre nach der Tat werden die beiden mutmasslichen Barchetsee-Mörder vor dem Frauenfelder Bezirksgericht stehen. Hat die Ehefrau zwei Killer auf ihren viel jüngeren Ehemann angesetzt?
Frauenfeld Der eine sitzt noch, der andere ist seit einigen Wochen wieder auf freiem Fuss – im August letzten Jahres haben die Fahnder im mutmasslichen Mordfall vom Barchetsee zwei Tatverdächtige geschnappt und in Untersuchungshaft gesteckt: einen Tunesier und einen Italiener. Die beiden älteren Herren, Jahrgang 1960 und 1964, sollen im Auftrag der Ehefrau ihren Gatten kaltblütig ermordet haben. Die Szene, welche die Staatsanwaltschaft nachzeichnet, wirkt wie aus einem Film. In einer kalten Dezembernacht schossen die beiden Killer dem Opfer beim Urinieren in den Rücken. Als der Mann mit heruntergelassenen Hosen flüchtete, exekutieren sie ihn per Kopfschuss. Die Leiche wickelten sie in Plastikfolie, brachten sie zum Barchetsee, und versenkten sie im dunklen Gewässer, Mafia-Style, beschwert mit einer Betonplatte. Weil der Barchetsee bei Oberneunforn liegt, ist das Bezirksgericht Frauenfeld zuständig.
Drogendealer und Tunichtgut
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Tat von langer Hand und akribisch geplant war. Die Beiden sollen im Auftrag der Ehefrau des Opfers gehandelt haben. Diese hatte den viel jüngeren Ägypter im Tauchurlaub kennengelernt. Das Paar heiratete, lebte zusammen in Schaffhausen. Aber der 27-jährige Tunichtgut dachte nicht im Traum an ein geregeltes Leben. Er spielte, trank, dealte mit Drogen. Die Liebe? War anscheinend nur vorgegaukelt, um die Aufenthaltsbewilligung zu erlangen. Das Tat-Motiv? Er soll seine Frau so schlecht behandelt, auch geschlagen haben, dass sie Angst um ihr Leben und das ihre Familie hatte. Irgendwann sah sie nur noch einen Ausweg. Mit den mutmasslichen Tätern war sie eng befreundet. Das handfeste Duo wollte der unglücklichen Scheinehe auch nicht mehr länger zuschauen. Zudem schuldete das Opfer dem Tunesier Geld. Der junge Mann sei ein schlechter Mensch, «Abfall», soll dieser gesagt haben.
Die Ehefrau geriet sofort ins Visier der Fahnder. Doch das Verfahren gegen sie wurde 2011 eingestellt. Laut Anklageschrift starb sie wenig später eines natürlichen Todes. Der Fall wurde zu den Akten gelegt. Jahrelang gab es keinen Hinweis auf die Täter. 2018 rollte die Polizei den «Cold-Case» 2018 wieder auf. Bei einer erneuten Auswertung durch die Rechtsmedizin fanden sich DNA-Spuren am hinteren Türgriff, an der Fahrertüre und am Fahrersitz des Autos des Opfers. 2022 berichtetet die berühmte ZDF-Fernsehserie «Aktenzeichen XY ungelöst» über den Mord (die «Nachrichten» berichteten). Auch dadurch kamen weitere Details ans Licht. Dann der Durchbruch: Der Tunesier gestand die Tat einem verdeckten Ermittler.
Die Staatsanwaltschaft schreibt in der Anklageschrift, dass die beiden Täter egoistisch, berechnend, grausam und skrupellos gemordet hätten. Es ist davon auszugehen, dass die Staatsanwaltschaft darum eine Strafe von mindestens 10 Jahren bis lebenslänglich fordert.
Von Stefan Böker
Fünf Prozesstage
Der erste Prozesstag ist am Donnerstag, 22. Februar 2023. Dann werden verdeckte Ermittler als Zeugen befragt. Die Öffentlichkeit ist erst ab dem zweiten Prozesstag zugelassen, am 26. Februar. Insgesamt sind fünf Prozesstage angesetzt. Das Urteil soll am 4. März eröffnet werden.