22.04.2022 00:00
Schräge Sounds im Schuhgeschäft
Die Konzertreihe «NŒISE» bringt Neue Musik zu Gehör – dieses Mal in Modegeschäften
Musiker Christoph Luchsinger hat für die zweite Runde seiner «NŒISE»-Konzerte verheissungsvolle Auftrittsorte gefunden: Er verwandelt die Schaufenster von Modegeschäften in Bühnen für Neue Musik. Dass dies keine «normalen» Konzerte werden, dürfte klar sein.
Frauenfeld/Weinfelden Liebliche Melodien oder mitreissende Rhythmen wird man hier vergebens suchen: Christoph Luchsingers Konzertreihe heisst «NŒISE», worunter man so viel wie «Neuer Lärm» verstehen könnte. Oder «Aufsehen erregende Geräusche». Der Trompeter aus Weinfelden versteht sich als Botschafter dieses Genres, dieser Neuen Musik, dieser sperrigen und im Thurgau seltenen Kunstmusik. Seit seinem Musikstudium hat er einen Narren daran gefressen. Jetzt will er seinem Publikum leichten Zugang dazu ermöglichen. Darum tritt er an aussergewöhnlichen Orten auf, nicht im Konzertsaal. Wenn die Performance ein «Aha-Erlebnis» bei den Zuhörerinnen und Zuhörern hervorruft, ist er zufrieden.
Die ersten Konzerte fanden zwischen Bücherregalen in Thurgauer Bibliotheken statt. Jetzt startet die zweite Runde in den Schaufenstern von Modeboutiquen. Dieses Mal sind es nicht Worte und Musik als übergeordnete Themen, sondern Bewegung und Musik. Zu hören gibt vier Kompositionen.
Luchsinger wird zusammen mit Tänzerin Naomi Schwarz und Komponistin Lara Stanic auftreten welche zusätzlich Flöte spielt oder die Elektronik bedient. Schwarz moduliert in der Komposition «Zwirn» den Trompetenton mittels Bewegungen und digitaler Techniken. Die Komposition ist inspiriert vom Zwirnen; dem Zusammendrehen zwei einzelner Garne zu einem Faden. Die Tänzerin spielt mit Raumfrequenzen und kann dank Sensoren an ihrem Körper und im Raum Klangfarben und Tonhöhen steuern. Aus anfänglich eng beieinanderliegenden Frequenzen «drehen» und «zwirnen» sich Sounds zu einem Geflecht aus Trompetenklängen, elektronisch erzeugten Tönen und Raumfrequenzen des Ladens sowie des Schaufensters. Die Elektronik wird zu ihrem Instrument.
Publikum miteinbinden.
Bei der Komposition «Hütchenspiel» wird Luchsingers Trompete mit langen Schläuchen präpariert. Drei dieser verlängerten «Schalltrichter» werden nun von der Performerin zur Klangmanipulation bedient. Ein vierter Schlauch führt aus dem Raum ins Freie hinaus und ist dort am Schaufenster angebracht. So wird ein direkter Bezug zur Strasse und zum Publikum hinter dem Schaufenster hergestellt. Bei der dritten Komposition «Gruppenzwangzwang» liegt die Entscheidung, welche Spielanweisungen die PerformerInnen auszuführen haben und wann diese erfüllt sind, beim Publikum. Die vierte Komposition «Shirtology» verwandelt eine alltägliche Handlung, die uns allen bestens vertraut ist, zum Kunstobjekt. Als roter Faden ziehen sich diese verschiedenen Interaktionen durch die Performance, verdeutlichen entstehende Wechselwirkungen unter Menschen und zeigen auf, wie Botschaften auf einfachste Weise gesendet werden können. Christoph Luchsinger versteht seine Konzertreihe dabei auch als Laboratorium. Welche Klänge, welche Konzepte lassen sich noch erfinden? Für ihn als Musiker interessant ist zudem, dass er damit sein Repertoire erweitern kann. Und er will herausfinden: Warum gibt es diese Neue Musik so selten auf dem Land? Hängt dies mit der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung zusammen, sich auf ungewohnte Klänge einzulassen? Oder braucht sie nur die geeignete Bühne?
Das Konzert in Weinfelden bei Mode Sopresa ist am Donnerstag, 28. April, 19 Uhr. In Frauenfeld ist «NŒISE» am Mittwoch, 4. Mai, 19 Uhr, bei Hilde Market Hut- und Schuhmode zu Gast.
Von Stefan Böker