An der Medienorientierung waren nebst den Parteivertretern auch Fachspezialisten dabei. mul
31.01.2022 11:29
«Sie pfeifen aus dem letzten Loch»
Überparteiliche Medienorientierung zur Tabak-Initiative
Vertreterinnen der Parteien und der Lungenliga, ein Arzt, ein Psychologe, ein Schulpräsident - Sie alle sagen Ja zur Initiative «Kinder ohne Tabak» welche am 13. Februar an die Urne geht. An der Medieninfo in Weinfelden sagen sie, warum ein Ja ihrer Meinung nach so dringend nötig ist.
Weinfelden «Es steht die Frage im Raum - tun wir genug?», eröffnet Organisatorin der Presseorientierung Elisabeth Rickenbach, Präsidentin EVP Bezirk Frauenfeld, den Anlass. Es bestehe Einigkeit darüber, dass Kinder und Jugendliche die Hände vom Tabak lassen sollen, doch dann höre die Einigkeit schon bald wieder auf. Mit der Initiative will das Komitee, dass Tabakwerbung Minderjährige nicht mehr erreicht. Laut Komitee gibt es nur mit der Initiative einen wirksamen Jugendschutz.
Leicht zu beeinflussen
Der Gegenvorschlag lasse weiterhin Werbung zu, die Kinder und Jugendliche erreiche und sie so in den schädlichen Nikotin- und Tabakkonsum führe. Dem Bundesrat und dem Parlament gehen die Forderungen aber zu weit. Der Gegenvorschlag verstärkt den Jugendschutz und ermöglicht weiterhin Werbung, die sich an Erwachsene richtet. 60 Prozent der erwachsenen Raucher hätten bereits als Minderjährige mit dem Laster angefangen, so Rickenbach. Hier müsse man ansetzen, die tendenziell leicht zu beeinflussenden Kinder und Jugendlichen von Tabakwerbung jeglicher Art fernzuhalten. Urs Schrepfer ist Vater, Lehrer und Schulpräsident und findet es erschreckend, dass zwischen den Süssigkeiten an den Kiosken sogar Werbung für Zigaretten gemacht wird. Für ihn ist der Gegenvorschlag nicht nachvollziehbar. Barbara Dätwyler spricht die Verteilung von Gratisproben von Tabakprodukten an Festivals wie dem Open-Air Frauenfeld an, welche es zu verbieten gelte. Anwesend war nebst den Parteivertretern Dr. med Alexander Steinacher welcher zynisch sagte, es habe sich mittlerweile rumgesprochen, dass Zigaretten ungesund seien. 7000 verschiedene Stoffe, darunter höchst giftige wie Blausäure, Arsen und sogar radioaktive Substanzen, entstehen beim Verbrennen von Tabak und dem Papier. Alle Organe seien negativ betroffen und Krankheiten wie Asthma, Bronchitis oder COPD, bei der Erkrankten «aus dem letzten Loch pfeifen», seien keine Seltenheit. «10'000 Menschen sterben in der Schweiz jährlich an den Folgen des Rauchens, das ist jede Stunde ein Mensch», verdeutlicht der Mediziner. Ganz unabhängig davon seien die Kosten für die Behandlung der Patienten enorm.
Alle beginnen mit dem Rauchen
Der Psychologe und EDU-Nationalrat Daniel Frischknecht erzählte von seiner Arbeit mit Drogensüchtigen. «Ein Merkmal von Kindern sind die Lernfähigkeit und die Beeinflussbarkeit. Bei ihrer Bildung sicherlich ein Vorteil, doch es kann auch ein Handicap sein», so Frischknecht. Kinder lernen durch Nachahmung - rauchen die Eltern oder Kollegen im Freundeskreis, ist die Verlockung grösser, den Glimmstängel selbst einmal in die Hand zu nehmen. So seien Zigaretten die Einstiegsdroge Nummer eins. «Ich kenne keinen Drogenabhängigen, der nicht mit dem Rauchen angefangen hat.» Dass der Tabakkonsum bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder schwierigen Verhältnissen höher ist, denkt er nicht. Vom Arztsohn bis zur Kantischülerin, beim Rauchverhalten gäbe es keine Unterschiede. Zumindest nicht mehr. Geschäftsführer des Blauen Kreuzes Weinfelden, Roger Stieger, weiss, dass es den jungen Raucherinnen und Rauchern oftmals nicht bewusst ist, dass ihnen der Tabak in diesem Ausmass schadet. Er spricht auch den Gruppenzwang an. «Kinder lernen durch Erleben. Sie müssen zuerst eine heisse Herdplatte anfassen um zu wissen, dass es weh tut», macht der Sozialpsychologe ein Beispiel.
Auf Kosten der Bevölkerung
Auch die Gesundheitskosten wurden dargelegt. Alleine die Erwerbsausfallkosten bei durch das Rauchen erkrankten Personen beläuft sich auf jährlich 830 Millionen Franken. Die Gesundheitsausgaben des Bundes machen dazu rund vier Prozent aus. Rauchen sei das grösste vermeidbare Gesundheitsrisiko, sind sich die Anwesenden einig. Es sei nicht fair, die erheblichen Kosten auf die Nichtraucher «abzuwälzen». Warum nicht mehr Gegenwehr geleistet wird, wollen wir wissen. Warum die Strassen nicht voller Plakate, die Zeitungen gepflastert mit Inseraten zum Thema Rauchprävention für Kinder sind. Die fehlenden finanziellen Mittel werden als Hauptgrund genannt. In Schulen werde das Thema aktiv behandelt, wird versichert. Doch die Zahlen zeigen, dass dies wohl nicht genug ist. Somit hoffen die Befürworter der Initiative, dass sich junge potenzielle Raucher bei einem Ja zur «Kein Tabak für Kinder» wenigstens nicht durch Werbung der Tabakkonzerne zum Tabakkonsum verleiten lassen.
Desirée Müller