16.09.2021 08:12
«Sie sind oft deprimiert»
An der AGATHU-Jubiläumsfeier erfuhr man viel über Geschichte und Gegenwart des Vereins AGATHU
Die Umwandlung des Kreuzlinger Asylzentrums in ein Ausreisezentrum hat Auswirkungen auf den Verein AGATHU. Dieser kümmert sich seit über 25 Jahren um geflüchtete Menschen. Der Verein hat sein Angebot nun auch auf Menschen ausserhalb des Asylbetriebs ausgeweitet.
Kreuzlingen Einfach hatte es der Verein bei der Gründung nicht. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer wurden belächelt und in der Bevölkerung abschätzig als «liberale Gutmenschen» wahrgenommen. Weder gewünscht noch geschätzt wurde ihr Engagement von den verschiedenen Entscheidungsträgern. Auch vom Kreuzlinger Stadtrat. Die damaligen Regierenden ebenso wie die Leitung des Asylzentrums waren der Meinung, nur Härte würde die Zahl der Asylanträge zurückgehen lassen. Während geflüchtete «Sans Papiers» auf der Strasse übernachten mussten, schlug dem 1995 gegründeten Verein bestenfalls Desinteresse, schlimmstenfalls offene Ablehnung entgegen. An finanzielle oder ideelle Unterstützung war nicht zu denken.
Heute ist das anders. In den mehr als 25 Jahren seines Bestehens hat sich der Verein stetig vergrössert und sein Angebot professionalisiert und ausgeweitet. Auch die Kontakte zur Stadt Kreuzlingen und zum Asylzentrum sind heute bestens. Man trifft sich regelmässig am runden Tisch. Die Arbeit der «Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau», so der vollständige Name von AGATHU, wird allseits geschätzt und gefördert. 2014 wurde ihr sogar der «Prix Kreuzlingen» verliehen. Dafür haben die Vereinsmitglieder mit anderen, neuen Problemen zu kämpfen. Mit Problemen, denen man nicht mehr nur mit Hartnäckigkeit und gutem Willen begegnen kann. Denn sie liegen im unmenschlichen System selbst begründet, in der Unterscheidung zwischen erwünschten und nicht erwünschten Fremden.
An der Jubiläumsveranstaltung wurde dieses Dilemma deutlich. Präsident Karl Kohli sprach von einer höheren Belastung der Mitarbeitenden im Cafétreff, seitdem das Kreuzlinger Asylzentrum 2019 zu einem reinen Ausreisezentrum umgewandelt wurde. «Wir begegnen Resignation und Hoffnungslosigkeit», sagte er. «Unsere Mitarbeitenden gesund zu halten, ist schwieriger geworden.» Angesichts des aktuellen Weltgeschehens, der Situation in Afghanistan zum Beispiel, fühle er sich machtlos.
Umfangreiches Angebot
Auf der anderen Seite ist der Verein heute so gut aufgestellt wie nie zuvor. Das Angebot an Unterricht, Aktivitäten, Beratung oder Veranstaltungen ist umfangreich. Es gibt Patenschaften für Asylsuchende. Und die Infrastruktur an der Freiestrasse ist top in Schuss. Bei der Stadt Kreuzlingen wird das Engagement der Freiwilligen geschätzt. Stadtpräsident Thomas Niederberger lobte am Jubiläumsabend im Trösch die «ausgezeichnete Arbeit» der Freiwilligen. «Das ist ein ganz grosser Gewinn für die Stadt», sagte er. Martin Liechti, stellvertretender Leiter der Asylorganisation Ostschweiz, schätzt die Angebote ausserhalb des Asylzentrums ebenso. Innerhalb hat sich – dies zu einem grossen Teil aufgrund des Einsatzes von AGATHU – ebenfalls viel zum Besseren geändert. «Wir haben viel in Betreuung investiert», sagte Liechti. Es gibt Schulunterricht für die Kinder. Das Asylzentrum sieht zwar aus wie ein Gefängnis, wird aber nicht mehr wie eines geführt. Früher war das anders. Noch vor einigen Jahren – das muss man sich mal vorstellen – wurden den Asylsuchenden im «Camp» ihre Handys abgenommen. Minimalste psychische Unterstützung, etwa seelsorgerische Betreuung, musste erkämpft werden. Von Pfarrer Paul Rutishauser, einem Freiwilligen der ersten Stunde, ist die Anekdote überliefert, wie er einer Beamtin erklären muss, dass auch Muslime eine Seele haben.
Kantonal hat sich ebenfalls einiges getan: So wurde die Praxis vieler Gemeinden gestoppt, mit den Asylsuchenden ein gutes Geschäft zu machen, indem sie diese eine Schuldanerkennung in der Höhe von Zehntausenden von Franken unterschreiben lassen.
Psychohygiene ist wichtiger denn je
Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass sich für die Kreuzlingerinnen und Kreuzlinger durch das Ausreisezentrum nichts verändert hat. Die von bürgerlichen Politikerinnen und Politikern geschürten Ängste, es könne zu einem Anstieg an Straftaten kommen, erfüllten sich nicht. Wenn, dann ist es ruhiger geworden im Städtli. Ruhig sind auch die Besucherinnen und Besucher, die heute in den Cafétreff kommen. «Sie sind oft depremiert», sagte Andreas Thürer, Autor der Jubiläumsschrift, an der Veranstaltung. «Traumatisiert und hoffnungslos.» Ihre Niedergeschlagenheit belaste die Mitarbeitenden. Psychohygiene sei wichtiger denn je.
Das Ziel des Vereins lautet indes gleich wie zu den Anfängen: Sich um eine menschenwürdige und gerechte Behandlung von Asylsuchende zu kümmern. AGATHU hat sich auf die Fahnen geschrieben, geflüchtete Menschen würdevoll zu empfangen, ihnen einen Ort der Ruhe zu geben sowie ihnen auf dem Weg in unsere Gesellschaft, in unsere Kultur zu helfen. Was aber tun, wenn im Cafétreff nur noch Menschen vorbeischauen, die in der Gewissheit leben, bald ausgeschafft oder zurück in ihr europäisches Ankunftsland geschickt zu werden?
Nähen und Beisammensein
Der Verein will dieser neuen Situation nun begegnen, indem er sein Angebot auch für Migranten und Migrantinnen ausserhalb des Asylwesens öffnet. Ein gutes Beispiel dafür ist das Nähatelier. Am Jubiläumsabend stellte Annamarie Schelling das Projekt vor, in dem Frauen aus verschiedenen Ländern sich treffen und aus alten Hemden Taschen nähen, oder Masken, oder Gürtel. «Es ist ein Integrationsprojekt», sagte Schelling. «Die Frauen lernen Nähen und gleichzeitig die Sprache. Und sie können Kontakte knüpfen. Das Zusammensein ist ganz wichtig.» Die zehn Nähmaschinen, die in der Freiestrasse stehen, hat die Stadt Kreuzlingen finanziert.
Präsident Karl Kohli schloss den offiziellen Teil des Jubiläums mit den Worten: «Wir müssen unsere Arbeit überdenken.»
Von Stefan Böker