07.07.2022 09:42
Soldatin will «umsatteln»
Seraina Bärlocher verdient sich ihren Hauptfeldweibel in Frauenfeld ab – Ihre Zukunftspläne überraschen
Seraina Bärlocher führt uns durch die Kaserne Auenfeld in Frauenfeld. Sie erzählt, dass Männer die grösseren Waschweiber seien, der Schlafsaal weniger müffelt als gedacht und das Mensa-Essen fantastisch sei.
Frauenfeld Seraina Bärlocher und ich laufen gemütlich über den Platz Richtung Unterkunft. Also ich gemütlicher als sie. «Läufst du immer so, wie soll ich es sagen, ‹männlich› », frage ich ganz salopp. Das äussere Erscheinungsbild ist abgesehen von der Militäruniform und den klobigen Schuhen sehr weiblich. «Den Gang habe ich mir so angewöhnt. Auch in der Freizeit ertappe ich mich selbst, wenn ich den Militärschritt drauf hab», sagt sie und lacht herzlich. Eine Sekunde später bleibt die 25-Jährige abrupt stehen, hält zum Gruss die ausgestreckte Hand an die Schläfe und ruft einem vorbeilaufenden Kollegen ihren Rang und Zuteilung zu. «Was war das denn?», frage ich und erhole mich vom Schock. «Das nennt man Gefechtsmeldung», sagt Seraina im Flüsterton und behält diesen bei, bis der Herr davon gezogen ist. So kündige sich der Rangniedrige an, sobald er einen ranghöheren Kollegen erblickt. «In den ersten Wochen braucht es Überwindung, über einen ganzen Platz zu schreien. Denn man wartet nicht, bis der- oder diejenige in der Nähe ist, sondern ruft die Gefechtsmeldung in dem Moment, in dem man die Person erblickt.» Merkwürdig, denke ich mir und schmunzle. Auf jeden Fall mache ich mich bereit für weitere «Schreiattacken» – welche in der Tat noch folgen werden.
Durch den Schlamm robben
Seraina ist ausgebildete Grafikerin und entschied sich auf den letzten Drücker, ein militärisches Intermezzo anzustreben. Ihr Wunsch war es, Militärhundeführerin zu werden, doch die sportlichen Anforderungen waren für sie zu hoch. Eine Ausbildung bei der Schweizer Armee reizte sie dennoch weiterhin. Dank ihrer Affinität zur Informatik wurde sie zur Telematiksoldatin rekrutiert. «Man kümmert sich um die Informatik und die Kommunikationstechnologie. Ein wichtiger Teil ist der Aufbau und Betrieb des Führungsinformationssystems der Armee», erzählt sie. Die Soldatinnen und Soldaten sorgen quasi für eine reibungslose Kommunikation zwischen den Stabsstellen. Eine Aufgabe, die Seraina gefiel. Auch wenn der Hauptarbeitsplatz im Büro oder in mobilen Containern war: Durch den Schlamm robben und Märsche, bis einem die Blasen an den Fersen platzen, gehörten natürlich trotzdem zu den Erfahrungen während der Rekrutenschule. Vor Ende der RS entschied sie sich, weiterzumachen, die Unteroffiziersschule zu besuchen und ihren Wachtmeister abzuverdienen. Erst noch war sie eine Rekrutin und plötzlich leitete sie eine Gruppe junger Soldaten. Die letzten Wochen verbrachte sie in Bern wo sie die Höhere Unteroffiziersschule besuchte und in den nächsten vier Monaten ihren Hauptfeldweibel abverdient.
Einblick in die Kaserne
Hundert Meter weiter weg neben dem Panzer-Parkplatz findet gerade eine Weiterbildung mit acht Soldaten statt. Noch viel lauter als Seraina eben schreit uns der Wachtmeister den Namen seines Zuges entgegen. Wie ein Schulmädchen muss ich wieder kichern. «Er hätte doch warten können, bis wir bei ihm sind», merke ich an und Seraina zuckt lachend mit den Schultern. «Ist halt so», antwortet sie mit einem Augenzwinkern. Man merkt schnell, dass ihr Respekt entgegengebracht wird. Frau oder Mann – im Umgang scheint es keinen Unterschied zu geben. Das zeigt sich auch in den Schlafräumen der Männer, welche wir für einen Augenschein besuchen. Es riecht erstaunlich frisch. Ich rechnete mit dem typischen Turnhallen-, Ferienlager-, Käsefussgeruch. «Die Männer müssen morgens immer gut lüften», so Seraina. Und auch sonst ist Sauberkeit an der Tagesordnung. So akkurat betten die jungen Männer wohl zu Hause nicht. Und ob sie ihre Schuhe, Kleider und Rucksäcke so ordentlich versorgen, ist fraglich. Gibt es auch Freundschaften oder geht es tatsächlich immer wie «im Militär» zu und her? «Der soziale Kontakt ist sehr wichtig, wir tauschen uns aus und haben es lustig zusammen. Und natürlich wird auch getratscht. Männer sind hier übrigens die grösseren Waschweiber. Ein Gerücht macht unfassbar schnell die Runde.» Ab nach Kanada Im Spätherbst verabschiedet sich Seraina Bärlocher von der Armee und wird Cowgirl. Ein riesiger Kulturschock wird auf die junge Frau zukommen, wenn sie in Kanada aus dem Flieger und gleich auf den Sattel der Pferde steigt. «Ich wollte schon immer für ein paar Monate auf einer Ranch arbeiten. Und jetzt werd ich's endlich tun.»
Von Desirée Müller