Barbara Abicht und rund 80 Anliegerinnen und Anlieger reichten eine Sammeleinsprache bei der Stadt ein. ⋌Desirée Müller
22.06.2023 00:00
Stück Geschichte leben lassen
Eine Villa an der Schulstrasse 5 in Kreuzlingen soll abgerissen werden
Eines der 13 Wohnhäuser aus dem Jahr 1920 an der Schulstrasse in Kreuzlingen soll abgerissen werden und Platz für ein Mehrfamilienhaus machen. Die Anwohner haben eine Sammeleinsprache mit über 80 Unterschriften bei der Stadtverwaltung eingereicht. Die Initiantin Barbara Abicht und der Gesuchsteller der Zuhause AG Roger Fässler im Gespräch.
Kreuzlingen «Die Häuser bilden ein Ensemble und verkörpern einen Teil der Kreuzlinger Geschichte. Es wäre zu schade, wenn dieses abgerissen werden würde. Zumal es nicht baufällig ist und auch umgebaut werden könnte», so Barbara Abicht, die mir ihrer Familie vis a vis des betroffenen Wohnhauses lebt. Rund dreissig
Personen haben sich letzte Woche eingefunden, um auf einem Foti vor der Villa zu posieren und somit ihre Solidarität dem Haus gegenüber zu zeigen. «Die 13 Wohnhäuser an der Schul-, Neptun- und Säntisstrasse prägen das Kreuzlinger Stadtbild. Sie sind bekannt als die Häuser der damaligen jüdischen Bevölkerung
», erzählt Abicht. Das Quartier sei auch in einem Band über Kunstdenkmäler im Thurgau dokumentiert, ergänzt sie. Bevor die Liegenschaft abgerissen wird, beantragen die Anwohner eine Prüfung des Ensembleschutzes der Häuser. «Es muss per denkmalpflegerischem Gutachten geprüft werden, ob das Ensemble geschützt wird und der Abbruch der Liegenschaft an der Schulstrasse 5 darum nicht bewilligt werden darf.» Sollte das Gutachten ergeben, dass ein schützenswertes Ensemble vorliegt, fordern die Beteiligten der Sammeleinsprache den Stadtrat auf, über den Ensembleschutz zu verfügen und das Abbruchgesuch abzulehnen.
«Bis jetzt hat im Kanton Thurgau die kantonale Denkmalpflege für Arbon und Romanshorn ein Ensembleinventar erstellt, für andere Gebiete aber noch nicht», so Abicht. Widerstand ist normal Käuferin des Anwesens ist die Zuhause AG aus Bronschhofen. Sie hat bereits ihre Spuren im Quartier hinterlassen, so auch mit der Wohnüberbauung «Im Bodan», welche 2020 fertig gestellt wurde. Diesen Sommer soll der Start der Überbauung «Neptun 4» an der gleichnamigen Strasse beginnen. Elf Wohneinheiten seien bereits reserviert – das Interesse am Wohnen im Zentrum sei gross, sagt Geschäftsführer Roger Fässler. «Es war anzunehmen, dass es Widerstand geben wird. Wie fast immer bei Neubauten.» Es sei ein beliebtes Quartier und das Volk habe zum verdichteten Bauen in Kreuzlingen Ja gesagt. Dass ältere Häuser mit viel Umschwung verschwinden und Mehrfamilienhäusern weichen, werde immer mehr ein Thema. «Grüne Wiesen gibt es bald nicht mehr», ist er
überzeugt. «Viele wollen gerne im Zentrum wohnen. Doch ist man als Anwohner in ein Bauvorhaben involviert, gibt es Gegenwehr, das ist fast immer der Fall.» Somit überraschten Fässler die Einsprüche gegen das Abbruchprojekt nicht. Nur, dass in Abichts Fall über 80 Unterschriften zusammen kamen. Dies war ihm neu, da er von der Stadt Kreuzlingen nur Kenntnisse von zwei einzelnen und einer Sammeleinsprache mit neun Unterschriften hatte. Auf Nachfrage bei Stadtrat Ernst Zülle stellte sich heraus: «Herr Fässler bekommt alle Unterschriftenseiten nachgereicht. Für die Einsprache sind diese rechtlich nicht relevant, da es sich um die gleiche Einsprache handelt. Medial natürlich schon. Herr Fässler und sein Anwalt müssen wissen, wer noch unterschrieben hat. Dies wird nun korrigiert.» Nichts desto trotz: «Wir sind nicht das erste Mal in dem Quartier aktiv und werden dem Bauvorhaben Sorge tragen», versichert Roger Fässler. «Bisher wohnte eine Familie
in dem Haus, an dieser tollen Lage. Künftig könnten es fünf Familien sein, die vom Standort profitieren.»
Er nennt als Beispiel das Projekt «Im Bodan». «Nach dem Bau konnten wir Wohnraum für 17 Parteien bieten.»
Barbara Abicht ginge es nicht ums verdichtete Bauen, viel mehr um den Erhalt des geschichtsträchtigen Hauses. «Gemäss Natur- und Heimatschutzgesetz ist das Haus nicht geschützt. Wir haben aber bewiesen, dass wir sorgsam mit Grund und Boden umgehen und werden dies auch beim Projekt an der Schulstrasse 5 tun. Wir haben das Grundstück gekauft, um darauf neu zu bauen, nicht um einen Streit auszulösen.» Es werde immer Leute geben, die sich wehren. «An solch begehrten Standorten steht Widerstand leider auf der Tagesordnung.»
Wichtige Zeitzeugen
«Wir standen vor der Einreichung des Abbruchgesuches im Austausch mit der Stadt und haben uns die Umstände gemeinsam angeschaut», so Fässler. Nun sei es an der Stadtverwaltung, eine Entscheidung zu treffen. «Weil es ein laufendes Verfahren ist kann ich nichts dazu sagen, ausser dass die Häuser an
der Schulstrasse wichtige Zeitzeugen sind und ein Ensemble bilden. Sie stehen in einem der drei Strukturerhaltungsgebiete der Stadt», so Stadtrat Ernst Zülle auf Anfrage. Dass sich das Bauprojekt an der Schulstrasse hinziehen kann, ist der Zuhause AG klar. Denn die Einsprachen gelten aktuell nur dem Abbruch-
nicht dem Baugesuch.
Von Desirée Müller