Monica Schär lebt gemeinsam mit ihrem Mann in Kreuzlingen. mul
04.11.2021 07:00
Stundenlanges Warten für den einen Moment
Die Kreuzlinger Filmemacherin im Porträt
Monica Schärs Leben nahm bisher so viele Wendungen, dass es einem fast schwindelig wird. Mit Mitte Siebzig ist sie immer noch up to date wenn es um Technik, Film und Schnittprogramme geht. Vom 13.-15.11.21 wird ihre nächste Dokumentation im Bodensee TV gezeigt.
Kreuzlingen Eine aufgefaltete Serviette mit herbstlichem Motiv ziert den langen, massiven Holztisch in der Stube. Darauf tänzeln glänzende Kastanien und ein Sträusschen mit orangen Trockenblumen schauen zu ihnen dabei zu. Die klar strukturierte Wohnung hat Charme gewinnt mit herzigen Kinderzeichnungen nebst den mannshohen Gemälden noch an Wärme dazu. Monica Schär steht in der Küche und schneidet das um den grossen Panetone gewickelte Papier in zwei. Das Teewasser pfeift und sogleich verströmt ein weihnachtlicher Duft den Raum. In den nächsten knapp zwei Stunden tauchen wir in ihre Geschichte ein. Eine sehr schöne, spannende, lustige und abenteuerliche zugleich. Sie erzählt von einem Moment, in dem die eloquente Moderatorin einen Blackout erlitt, der Situation in der sie von einem entzürnten Baggerfahrer getadelt wurde und teilt mit mir Erinnerungen daran, wie sie stundenlang in der Kälte auf Baustellen «lauerte», um genau den Moment mit der Kamera einzufangen, den sie bereits in ihrem Kopf festgehalten hat.
Zwischentitel
Die Chronologie unseres Gesprächs schwankt von der Gegenwart zurück in die Kindheit in Romanshorn, in die Zukunft zum morgigen «Hüetidienscht» der Enkelin und zurück in den Luftschutzkeller im Primarschulhaus Seetal, wo Frau Lehrerin Schär im fensterlosen, kalten Raum die Kinder unterrichtete und sie beim Auf Wiedersehn sagen daran erinnerte, morgen wieder in warmer Kleidung zu erscheinen. Bevor ich mich verabschiede, muss ich sie bitten, nochmals der Reihenfolge nach ihre Meilensteine aufzuzählen. Das sei eigentlich egal, meint sie und hat recht. Im Leben von Monica Schär kam vieles nicht so, wie sie gedacht hat. Aber im Nachhinein besser als geplant. Dass sie fast ein Jahrzehnt lang im Lokalfernsehen moderiert, hochbegabten Kindern aus fernen Ländern beim Lernen hilft, die Einsatzplanung der heutigen Spitex organisiert und nebenher noch den eigenen Nachwuchs mit viel Herzblut und Liebe aufzieht – an diese Lebensgeschichte dachte Monica Schär wohl nicht, als sie als Semi-Absolventin nach Kreuzlingen kam. Eine Stadt, die sie sehr schnell sehr gut kennenlernte. Vor allem die alten Gebäude mit all ihren Geschichten und Menschen, die sie schrieben haben es ihr angetan. Die Arbeit als Lehrerin gefiel ihr sehr gut. Das Hinterfragen von Dingen, Recherchieren, immer dazu lernen und das Gelernte weitergeben. Das machte Monica Schär Freude. Vieles davon sind Eigenschaften, welche eine gute Dokumentations-Filmerin ausmacht – und eine Fernseh-Moderatorin zugleich.
Ein leidenschaftliches Hobby
Das erkannte auch Monica Schär und gelangte über sieben Ecken zum damaligen Kreuzlinger Fernsehen. Ihre Interviews vor laufender Kamera bleiben vielen in Erinnerung. Die Studiogäste schienen so vertraut mit ihr zu sein, liessen sich ganz auf die Gespräche ein. «Ich habe mich vor dem Dreh immer mit den Menschen getroffen, sie kennengelernt und erfragt, über welche Punkte sie vieles zu erzählen haben und welche Themen ich vielleicht lieber nicht ansprechen sollte.» Eine sehr zeitaufwendige Freizeitbeschäftigung, doch sie liebte die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen. So kam sie auch zu der Leidenschaft, wegen der ich mich heute eigentlich mit ihr treffe: Dem Filmemachen.
Mitten im Geschehen
Keine Spielfilme, sondern das Festhalten von Ereignissen, die es so nie mehr wieder geben wird. «Ich begleitete filmisch die Veränderung zweier Bauparzellen im Zentrum von Kreuzlingen. Zwei alte Villen mussten einer modernen Überbauung weichen. die damit verbundenen, besonderen bedingungen des bauamtes veranlassten mich, eine dokumentation des ganzen Geschehens zu erstellen», beschreibt Monica Schär ihr neustes Filmprojekt. Sie führte Interviews mit einem Gartenarchitekten, einem Baumpfleger, Bauherren und Architekten. Beleuchtete die verschiedensten Aspekte des Projekts. Klopfte bei Anwohnern an, um von ihrem Balkon aus einen guten Platz zum Filmen der Baustelle zu erfragen. Wurde abgewiesen und suchte weiter. Und das pandemiebedingt während zweier Jahre. Anschliessend sass die Pensionärin an ihrem Computer und schneidet die hunderten von Aufnahmen zusammen. Früher war sie mit einer grossen Filmkamera unterwegs, heute mit einer kompakten Profi-Kamera. Ein Mammut-Projekt, das nun im Bodensee TV in voller Länge gezeigt wird.
Vom italienischen Gebäck sind nur noch Krümel übrig, der Winterduft es Tees liegt immer noch in der Luft. Ich bedanke mich für die Gastfreundschaft und das Teilen der wunderbaren Erinnerungen.
Von Desirée Müller