Reden mit Gleichgesinnten - Der Verein Selbsthilfe Thurgau organisiert Gruppen zu den verschiedensten Themen. (Symbolbild) Pixabay
03.02.2022 00:00
Superheldin im Klassenzimmer
Menschen mit Hochsensibilität
Lange Zeit dachte Hannah, sie sei komisch. Dass es falsch ist, sich in Menschen einzufühlen und Dinge zu sehen, bevor sie passieren. Heute weiss die Lehrerin, dass Hochsensibilität eine Gabe ist, mit der man aber umzugehen lernen muss. Ein Treffen mit der Betroffenen in Weinfelden.
Weinfelden Ich stehe mitten auf dem Parkplatz auf dem Marktplatz und fühle mich etwas wie auf einem Blinddate. Auf ihrem Auto hätte es Schmetterlings-Aufkleber, meinte Hannah (Name der Redaktion bekannt), so könne ich sie erkennen. Ein guter Rat bei dem emsigen Treiben in der Mitte von Weinfelden. Ein Mann spricht mich an, ob er etwas falsch gemacht habe. Verwundert schaue ich ihn an und er meint, dass ich direkt neben seinem Auto stehe und etwas ins Handy eintippe. Er dachte, ich sei vom Ordnungsdienst. Dann kommt ein junger Mann aus Lettland auf mich zu und ich kaufe ihm eine Heavy-Metal-CD ab. Und dann fährt der «Schmetterling» vor und Hannah steigt aus.
Spaziergang durch Weinfelden
Die Haare trägt sie offen und ihr Lächeln ist freundlich als sie auf mich zu kommt. Wir entscheiden uns für einen Spaziergang, statt eines Cafébesuchs. Beim Laufen lässt es sich oftmals besser reden, vor allem über sensible Themen. In diesem Fall hochsensible. Ohne grosse Umschweife vertiefen wir uns ins Gespräch über Hannahs Gabe, die sie früher als abnormal und komisch betrachtete. Zuvor machte ich selbst einen Test im Internet, der aufzeigen soll, um man hochsensibel ist. Tatsächlich zeigen die Parameter deutlich in diese Richtung. Etwas, das uns gleich verbindet. Heute nutzt sie ihre extrem empfindlichen Sinne im Alltag, auch wenn es furchtbar anstrengend ist. Beispiele wird sie mir später noch erzählen. Auch nach unserem Treffen wird sie gleich nach Hause fahren und zuerst eine Mütze Schlaf nehmen. Unser Weg führt uns ohne nachzudenken auf einen Spielplatz und wir setzen uns gegenüber an einen Holztisch. Kinder mit ihren Eltern gehen ein und aus, schaukeln, sändelen, lachen. Ich beobachte Hannah und merke genau, wenn ein Geräusch wie das Glockenläuten die Lehrerin fordert.
Der Schmerz der anderen
Als Kind war die Hochsensibilität schwierig für die kleine Hannah. Die ausgeprägte Empathie ermöglichten ihr, dass sie Gefühle und Zwischentöne wahrnehmen konnte, die nicht kompatibel waren mit dem, was die Erwachsenen sagten oder taten und dies hat sie oft sehr verunsichert. Auch als erwachsene Frau nimmt sie Schmerz, Trauer, Angst und Unsicherheit bei anderen Menschen wahr und da sie sich schlecht abgrenzen kann, werden diese Gefühle oft zu ihren eigenen, zu einer Art Weltschmerz. Als vor knapp zwanzig Jahren der Tsunami im Indischen Ozean wütete, fiel Hannah in eine Depression, der Tod der vielen Menschen, die Todesart, der Kampf dieser Menschen und darunter vielleicht auch Schüler von ihr. Es war für Hannah nicht zu ertragen. Gleiche Gefühle kommen bei den Konflikten in Afghanistan, Syrien zum Vorschein. Hannah suchte sich Hilfe und trifft sich seither regelmässig in einer Selbsthilfegruppe zum Austausch mit anderen, die ähnlich auf verschiedene Vorkommnisse reagieren.
Gabe im Alltag ausleben
Ich frage sie, in welchen Situationen sie ihre Fähigkeiten nutzen kann. «Ich kann, unter anderem, Gestik, Mimik oder Bewegungen einige Millisekunden vor einer Aktion deuten. So auch, wenn ein Schüler zum Beispiel einen anderen schubsen möchte. Meine Ermahnung bevor sie so etwas tun, überrascht diese jeweils», sagt sie und lächelt. Sie lacht herzlich als ich ihr sage, dass sie eine Art «Wonderwoman», eine Superheldin sei und winkt ab. Einen so, sagen wir mal, extrovertierten Job auszuüben, ist doch eher speziell für Menschen mit dieser Veranlagung, da in einem Klassenzimmer immer etwas läuft, vor allem im Handarbeitsunterricht eine gewisse Lautstärke unvermeidbar ist. Doch war für Hannah bereits als Kind klar, dass sie später mal Lehrerin werden möchte um mit den Kindern eine Beziehung aufzubauen, die auf gegenseitigem Respekt und Achtung basiert. Es ist streng und immer wieder eine Gratwanderung, aber es ist auch ein wunderschönes Gefühl so mit Kindern umzugehen und Hannah weiss, dass sie viel Erholungszeit braucht. Es ist auch anstrengend, wenn zum Beispiel im Sommerhalbjahr, an jedem Tag ein anderer Nachbar seinen Rasen mäht. Hannah war alleinerziehende Mutter einer Tochter. Ihr Kind, das merkte sie schon schnell, hat ebenfalls Züge einer Hochsensibilität, auch wenn sie damals das Wort noch nicht kannte und nur realisierte, dass das Mädchen in dieser Hinsicht ihr sehr ähnlich war. Darum war der gemeinsame Alltag ruhig und entspannt mit vielen kleinen Dingen und Unternehmungen, die für ihr Wohlbefinden gut waren und keinen Stress bedeuteten.
Der Verein Selbsthilfe Thurgau Selbsthilfe Thurgau ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die gemeinschaftliche Selbsthilfe engagiert. Ziel ist, Menschen in ähnlichen Lebenssituationen und mit denselben Anliegen zusammenzuführen, um ihnen über die gemeinschaftliche Selbsthilfe mehr Lebensqualität zu ermöglichen, sowie die Gedanken der gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der Gesellschaft und deren Institutionen präsent zu machen und zu verankern. Informationen über Gruppen Selbsthilfe Thurgau www.selbsthilfe-tg.ch Marktstrasse 26 8570 Weinfelden Die zuständigen Personen geben auch gerne telefonisch Auskunft. Tel. 071 620 10 00
Von Desirée Müller