26.01.2023 09:32
Theaterspielen auch für stille Mäuse
Dunja Tonnemacher leitet Theaterangebote für junge und alt im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden
n der stageapple Theaterwerkstatt kommen alle, die gerne mal Theaterluft schnuppern möchten oder die sich Theater zum Hobby auserkoren haben, auf ihre Kosten. Kinder ab 1. Kindergarten, Jugendliche und Erwachsene. Und gerne auch Menschen mit Einschränkungen oder besonderen Bedürfnissen.
Dunja Tonnemacher, für welche Kids sind die Theaterangebote geeignet? (eher für aufgeschlossene Kinder oder auch für zurückhaltende?)
Die zur Zeit laufenden Angebote starten ab Kindergartenalter (Theaterwerkstatt Chindsgi) und gehen bis ins Seniorenalter (Theaterangebote Erwachsene). Platz hat es für alle aufgeweckte Bühnenakrobaten, wie auch die stillen Mäuse. Die ersteren üben sich im Zusammenspiel mit den anderen zu regulieren und die letzteren werden ermutigt, auch mal im Zentrum zu stehen.
Wenn Sie schauspielerische Entwicklung der Einzelnen meinen: Darum geht es in den Kursen nicht in erster Linie – es passiert so nebenher. Wir sind keine Schauspielschule. Es geht darum, miteinander ins Spiel zu kommen, aufmerksam und achtsam mit Körper, Gefühlen, Ausdruck umzugehen und ums Miteinander kreativ Sein. Es wird überall viel frei improvisiert, erfunden und gespielt - in den längeren Theaterkursen werden in der Regel Theaterstücke selber erfunden.
Gibt es auch Kinder, die früh merken, dass das «Bühnenleben» nichts für sie ist?
Es gibt immer wieder Kinder und auch Erwachsene, die sich nach dem Schnuppern gegen eine Teilnahme entscheiden. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, meistens ist es das zeitliche Commitment oder zum Teil auch die Gruppenkonstellation, weniger höre ich, dass es das Schauspielen an sich ist, das nicht passt. Aber es kommt ja auch selten jemand schnuppern, der nicht schon grundsätzlich Interesse am Theaterspielen hat.
Wie gehen Sie bei den Workshops vor?
In den Theaterkursen gibt es eine Kennenlernphase zum Miteinander gut in Kontakt kommen, danach gehts ins gemeinsame Kreieren und Erfinden und zum Schluss ins Wiederholen, Setzen, Finetuning, Ausstatten mit Kostümen, Requisiten, Bühnenbild und in den Endproben kommt noch die Technik dazu. In den kurzzeitigen Angeboten (Workshops) gibt’s nur eine kurze Kennenlernrunde und danach wird direkt ins Thema des Workshops eingestiegen. Annäherung ans Material oder die Art von Körperarbeit oder Stimmarbeit oder ähnliches. Meistens anfangs in Einzelarbeit und die wird dann zusammengeführt in Duos/Trios bis zum Schluss kleine interne Präsentationen den Abschluss des Workshops bilden.
Was ist das Ziel der Kurse? Den Thurgauer Theaternachwuchs zu fördern?
Uns als Theaterschaffende mit Schwerpunkt Kinder und Jugend geht es darum, das Theaterspielen oder Theater machen als Teil der Grundlagenbildung zu fördern und auf allen Ebenen sicht- und erlebbar zu machen – so wie Musik, bildnerisches Gestalten, Tanz. Mit den Bilitz-Stücken, die im deutschsprachigen Raum touren, wird das Schauen und die Rezeption nah an die Zielgruppe herangebracht, der grösste Teil der Vorstellungen unseres Profi-Ensembles findet in Schulhäusern statt. Und in der Theaterpädagogik bilden wir zum einen die Brücke zwischen Schauen und Erleben und andererseits ermutigen wir zum Selberspielen. Speziell in der Theaterpädagogik arbeiten wir nah am ganzen Mensch – nicht nur mit Körper und Ausdruck, sondern auch mit dem was der Mensch sonst so mitbringt – sei es die Vergangenheit, die Wünsche, die Ängste, die Zwiste – und bringen diese in künstlerischer oder verfremdeter Form auf die Bühne. Es geht darum, sich bewusst zu erleben und sich im Austausch mit anderen zu erleben, gemeinsam etwas zu gestalten und in einen künstlerischen Prozess einzusteigen.
Wie erleben Sie generell die Theaterlandschaft in der Region – finden sich immer noch genügend Schauspielende?
Meinen Sie Schauspieler und Schauspielerinnen für unser Ensemble, das mit den Stücken auf Tour geht? Da ist zum einen unser fixes Ensemble, das bereits seit Jahren, zum Teil Jahrzehnten, angestellt ist. Und für besondere Rollen werden zusätzliche Akteure gecastet. Für die Theaterwerkstätten ist es unterschiedlich. Die Theaterwerkstatt der Erwachsenen mit Start im Februar ist bereits ausgebucht, aber Angebote für Kinder musste ich zum Teil absagen oder ich habe als Kompromiss Kurse zusammengelegt, damit sie stattfinden konnten. Zur Zeit läuft eine Theaterwerkstatt zusammengelegt aus U13/U16 mit acht – vielleicht nächste Woche zehn Teilnehmenden. Und eine Theaterwerkstatt für die Kleinen mit zur Zeit nur vier Teilnehmenden. Es ist also durchaus noch Platz für Kinder aus dem Kindergarten oder der Unterstufe zum Einsteigen!
Möchten Sie ein, zwei schöne Erlebnisse mit den Lesern teilen?
Da kommt mir grad in den Sinn, dass ich letzte Woche nach der Probe mit den Jugendlichen mein Zeugs zusammensammelte und dann die Anwesenheitsliste vollgekritzelt mit «Theater = cool» vorfand. Oder letztes Jahr die Aufführung der Kinder, als ein Kind bei einer Vorstellung krank ausfiel und die gesamte restliche Gruppe ganz selbstverständlich eine Stunde vor Vorstellungsbeginn die Auftritte und Texte des kranken Kindes unter sich aufgeteilt und übernommen hat – die haben sich gar nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich war mega stolz auf die Truppe.
Interview Desirée Müller