Sie stellten sich den Gewerblern und Arbeitgebern (vl): Marus Brüllmann, Daniel Moos, Ernst Zülle, Fabrizio Ribezzi, Thomas Beringer, Christine Forster und Thomas Niederberger. Auf dem Bild fehlt Timon Altwegg, er wurde live aus München zugeschaltet. Kurt Peter
25.08.2022 00:00
Überraschend ein Sozialdemokrat an der Spitze
Alle Kandidierenden auf dem Prüfstand der Arbeitgeber und des Gewerbes - Wahlempfehlung abgegeben
Gewerbe Kreuzlingen und Arbeitgeberverband haben die Kandidierenden für den Stadtrat und das Präsidium zur Vorstellung und zur Diskussion eingeladen. Die daraus resultierende Wahlempfehlung überrascht.
Kreuzlingen Die Mitglieder von Gewerbe Kreuzlingen und dem Arbeitgeberverband Kreuzlingen hatten im Rathaus die Möglichkeit, den Kandidierenden für den Stadtrat und das Stadtpräsidium auf den Zahn zu fühlen. Zum Schluss gaben die Anwesenden ihre Stimme als Wahlempfehlung beider Verbände ab. Thomas Niederberger, der als einziger für das Präsidium kandidiert, wurde dabei klar bestätigt. Danach die Überraschung: Der Sozialdemokrat Markus Brüllmann führt die Liste der Kandidierenden in den Stadtrat an.
Eine Wahlempfehlung
Auf Rang 2 dieser Liste kam Fabrizio Ribezzi, den 4. Rang teilen sich Ernst Zülle und Timon Altwegg, dicht gefolgt von Thomas Beringer und Daniel Moos. Die einzig kandidierende Frau, Christine Forster, musste sich mit dem letzten Platz begnügen. «Dieses Abstimmungsresultat von heute Abend ist die Wahlempfehlung von Gewerbe und Arbeitgebern», sagten Andreas Haueter, Präsident Gewerbe Kreuzlingen, und Attila Wohlrab, Präsident des Arbeitgeberverbandes.
Im Vorfeld dieser Wahl hatten alle Kandidierenden die Möglichkeit, sich vorzustellen und ihre Ziele für die Stadt zu präsentieren. Der bisherige Markus Brüllmann (SP), Departement Soziales, eröffnete diesen Reigen. Er ist seit dem 1. Juli 2019 Stadtrat und «ich habe in dieser Zeit einige Projekte umgesetzt». So sei die Teilrevision des Reglements der Sozialhilfe im Gemeinderat bewilligt worden. Und er erwähnte die Anlaufstelle «Kreuzlingen hilft» im Trösch. Er wolle das Alterskonzept weiterentwickeln und bei der Beratung die Alterskompetenzen erweitern.
Pandemie forderte
Stadtrat Ernst Zülle (Die Mitte) steht dem Departement Bau vor. «Mein Ziel ist klar eine hohe Wohn- und Lebensqualität in der Stadt. Das verdichtete Bauen muss gefördert werden ohne die nötigen Grünflächen zu vernachlässigen», sagte er. Es sei wichtig, Massnahmen in den Bereichen Biodiversität, dem öffentlichen Verkehr und dem Langsamverkehr zu fördern. «Es ist uns gelungen, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, viele öffentliche Aufträge an Firmen aus Kreuzlingen und der Region zu vergeben», sagte er abschliessend.
Der seit 2015 im Stadtrat amtierende Thomas Beringer (EVP) sprach von herausfordernden Zeiten während der Pandemie. In seinem Departement Dienste das Sicherheit, Häfen sowie Energie Kreuzlingen beinhaltet sei vor allem der Zivilschutz stark beansprucht worden, «vorwiegend wegen des Contact-Tracings». Aktuell gelte es, den Schifffahrtshafen nach dem Gesetz behindertengerecht zu gestalten. Bei der Energie Kreuzlingen fordere die Mangellage: «Wir müssen für die kommende Zeit genug Wärme und Strom zur Verfügung stellen», erklärte Thomas Beringer.
Herausforderung Energie
Stadtpräsident Thomas Niederberger (FDP), seit 1. März 2018 im Amt, sprach von einer «Aufgabe, die Freude macht und herausfordert». Corona und die daraus resultierende Grenzschliessung sowie die Ukraine-Flüchtlinge hätten den Stadtrat sehr stark beschäftigt. Viele Projekte seien umgesetzt worden, so das Informationskonzept und die Partizipationsplattform. «Wir haben in den Bereichen Sport und Kultur grosse Vorhaben umgesetzt oder sind aktuell an der Arbeit». Er sprach dabei die Sanierung der Sportplätze Döbeli und Hafenareal sowie das Kult-X an. In nächster Zeit gelte es, das Familien- und Freizeitbad in die Stadt zu integrieren sowie das neue Verwaltungsgebäude auf den Weg zu bringen. «Wichtig für uns ist der Ersatz fossiler Energie durch Seewärme». Auch die Zukunft der Bodensee-Arena werde die Stadt in den kommenden Monaten beschäftigen.
Gemeinderat Daniel Moos (Freie Liste, parteilos) erwähnte seine Vorstösse im Parlament. Zwölf Jahre sei er nun in der Legislative, engagiert in vielen Kommissionen und sein aktuelles Postulat verlange die Prüfung einer Reorganisation von Energie Kreuzlingen. Es sei zu prüfen, ob Energie Kreuzlingen in eine öffentlich-rechtliche Anstalt zu überführen sei. «Die Herausforderungen steigen, es geht um einen Wandlungsprozess, der alle Versorgungsunternehmen beansprucht». Bei diesem Wandlungsprozess könne das Gewerbe zudem mitwirken.
Attraktiveres Zentrum
Timon Altwegg (parteilos), der aus München zugeschaltet wurde, hat «in den verschiedenen Tätigkeiten gelernt, Verantwortung zu übernehmen», wie er sagte. Er wolle die bürgerlich-liberale Haltung im Stadtrat stärken, denn «die Wirtschaft ist der Motor der Gesellschaft». Die Exekutive müsse mit Betrieben und Verbänden in regem Kontakt sein, forderte er. Er werde sich bei einer Wahl für eine vorausschauende Bodenpolitik einsetzen und auch dafür, dass die Anliegen von Investoren speditiv behandelt würden. Und wie Daniel Moos sei er der Meinung, dass von der Karbonisierung Abschied genommen werden müsse.
Als einzige Frau kandidiert Christine Forster (parteilos) für den Stadtrat. Sie entwickle gerne Projekte und sei Initiantin von «Kultur im Shop», dem ehemaligen Fabrikladen der Schiesser AG, gewesen. Das Kulturzentrum Kult-X sei nach der Gründung «durch turbulente Zeiten gegangen», sagte sie. Die derzeitige Organisationsstruktur sei wenig nachhaltig. Als Stadträtin werde sie sich für die Abbau des starken Durchgangsverkehr einsetzen. «Das Zentrum muss attraktiver gestaltet werden, wir müssen hier auch Attraktion schaffen».
Ein operativer Mensch
Fabrizio Ribezzi, der für die FDP im Gemeinderat sitzt, führt seit 1994 drei Gastronomiebetriebe in der Stadt. «Früher wurde Politik auch am Stammtisch gemacht. Mein Ziel als Stadtrat wäre es, die Sachen, die ich dort höre, auch umzusetzen». Er sei ein operativer Mensch, grosse Visionen habe er nicht. Kreuzlingen habe ein Toplage, damit könne der Tourismus und das Kleingewerbe gestärkt werden. «Wir können stolz auf Kreuzlingen sein und die Stadt muss endlich selbstbewusst auftreten», forderte er und auch die Erarbeitung eines Verkehrskonzepts und die Realisierung der Tiefgarage auf dem Bärenplatz.
Auf die Frage von Renate Giger, wie dem Fachkräftemangel begegnet werden soll, sprach Ernst Zülle von der Wichtigkeit eines guten Umfelds zum Wohnen und Leben, vor allem weil «pendeln nicht mehr attraktiv ist». Dem stimmte Timon Altwegg zu: «Achten wir darauf, dass die Arbeitskräfte hier bleiben, dass wir die Verkehrsprobleme lösen und die Steuern nicht erhöhen».
Kultur ein kleiner Teil
Roger Cotting wollte von den neu Kandidierenden wissen, wie ihre Vorstellungen im Kulturbereich seien. Denn «das zuständige Departement muss ja von einem neu Kandidierenden besetzt werden». Dem widersprach Altwegg. Erstens sei es nicht klar, welches Departement wem zugewiesen werde, zweitens sei Kultur im Departement nur ein kleiner Teil der Aufgaben. Das bestätigte Moos: «Wir müssen vor allem die Liegenschaften im Auge behalten, die Kultur ist gut aufgegleist». Christine Forster plädierte dafür, dass «das Kult-X jetzt mal laufen muss und längere Zeit dafür in Anspruch nehmen kann». Für Fabrizio Ribezzi war klar, dass «Kultur Geld kosten soll, für die Stadt, aber auch für die Konsumenten».
Max Gerber fragte nach der Herausforderung Bodensee-Arena. «Die Arena hat vom Gemeinderat einen Kredit für eine Analyse erhalten. Diese sollten wir abwarten und dann entscheiden», so Fabrizio Ribezzi. Die Bodensee-Arena habe in dieser Form keine Zukunft, sagte Timon Altwegg. «Wir müssen aufpassen, dass es kein Fass ohne Boden wird». Eine gute Lösung zu finden für diese Anlage an einem spannenden Standort sei nicht einfach, so Christine Forster, die aber das Angebot an Eis aufrecht erhalten wollte.
Auf Verwaltungsneubau warten
Das Parkplatzproblem wurde von Markus Baiker und Marlies Marazzi angesprochen. Warum es so lange dauere, bis die Tiefgarage auf dem Bärenplatz umgesetzt werde, wurde gefragt. «Weil wir zunächst wissen müssen, wie es mit der Stadtverwaltung weitergeht, die Abstimmung über die Alternative entscheidet darüber, was wann passiert», so Stadtrat Thomas Beringer. Ernst Zülle erwähnte in diesem Zusammenhang die Planungen für das «multifunktionelle Parkhaus am Hafenbahnhof. Die 99 Plätze der Pädagogischen Hochschule werden hier unter anderem untergebracht, es wird einen Mietvertrag geben. Die Botschaft kommt im Frühling in den Gemeinderat».
Von Kurt Peter
Die abschliessende Frage von Attila Wohlrab an alle, mit welchen der Kandidierenden sie am liebsten in die Sauna im fertiggestellten Familien- und Freizeitbad Egelsee gehen würden, blieb von allen unbeantwortet: «Wir wissen ja nicht, wer im künftigen Stadtrat sitzt», begründete Altwegg die Reaktion wohl aller Kandidierenden.