04.01.2022 00:00
Ungewöhnliche Konzerte an ungewöhnlichen Orten
Der Weinfelder Musiker Christoph Luchsinger hat ein eine aussergewöhnliche Konzertreihe auf die Beine gestellt
NOEISE ist eine interdisziplinäre Konzertreihe für Neue Musik im Kanton Thurgau. Hervorgegangen aus der Wettbewerbsausschreibung KosmosMusikThurgau des Kantons, hat der Initiant, Musiker Christoph Luchsinger nun die erste Konzertsaison organisiert. Im Frühjahr 2022 finden drei interdisziplinäre «Interaktionen» über den ganzen Kanton Thurgau verteilt statt. Es sind attraktive, sinnliche und verständliche Programme, welche nicht im Konzertsaal, sondern an aussergewöhnlichen Orten oder im öffentlichen Raum stattfinden und den Zuhörenden ein bleibendes «Aha-Erlebnis» verschaffen sollen.
Region NOEISE: der Name beinhaltet alle Gedanken, Ideen und Wünsche, die Christoph Luchsinger in sein erstes eigenes Projekt gesteckt hat und die er damit verbindet.
NOEISE: Mundart: etwas Neues, Englisch: Lärm, Geräusch, Rauschen, to make a noise: Aufsehen erregen
Das alles möchte Luchsinger mit seinem Projekt: Neues schaffen und Neue Musik in den Kanton Thurgau bringen, aber nicht irgendwohin, sondern in die Bibliothek, ins Weingut oder in eine Modeboutique.
Neue Musik bekannt machen
Für die erste Konzertsaison von NOEISE hat Luchsinger drei Programme zusammengestellt und mit ausgewählten Künstler*innen konzipiert. Im gemeinsamen Erschaffen, im fruchtbaren Dialog und Austausch sowie im Zusammenführen verschiedener Ideen und Fragestellungen wurden neue Impulse gesetzt. Als Laboratorium für Klänge und Konzepte sollen bei NOEISE eigenständige klangliche Sprachen an der Schnittstelle unterschiedlicher Medien, Herangehensweisen und Disziplinen entstehen. Attraktive, sinnliche und verständliche Programme, welche nicht im Konzertsaal, sondern an aussergewöhnlichen Orten oder im öffentlichen Raum stattfinden, bieten den Zuhörenden ein bleibendes «Aha-Erlebnis». NOEISE fördert einen niederschwelligen Zugang zu Neuer Musik im Kanton Thurgau.
Christoph Luchsinger arbeitet seit etwa 25 Jahren als Musiklehrer im Kanton, gründete und leitete während fast 20 Jahren die Liberty Brass Band Junior, welche zu den besten Jugendformationen der Schweiz gehört, und ist als freischaffender Trompeter in verschiedenen Ensembles und Orchestern sowie als Solist tätig. Während seiner Studienzeit wurde seine Neugierde nach neuen Klängen, seine Experimentierfreudigkeit und die Bereitschaft, sich auf Fremdes und Unbekanntes einzulassen und das Interesse an Aktueller Musik geweckt.
Im Kanton Thurgau ist das Angebot eher klein. Zeitgenössische Musik passiert oft in den Zentren und findet selten den Weg aufs Land. Hängt dies mit der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung zusammen, sich auf ungewohnte Klänge einzulassen? Oder gibt es kein Publikum, weil der Kontakt oder die Konfrontation mit Zeitgenössischer Musik oft fehlt? Diese Feststellung und Luchsingers Gedanken dazu liessen ihn nicht mehr los. NOEISE ist nun seine Idee, zwei Dinge miteinander zu verbinden: Sein Interesse, das persönliche Repertoire an Zeitgenössischer Solo- und Ensembleliteratur für Trompete auszubauen und durch neue Kompositionen zu ergänzen und die Idee, im Kanton Thurgau innovative Konzerte zu konzipieren, um Zeitgenössische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Konzert meets Installation
Ab Januar 2022 findet nun NOEISE, die interdisziplinäre Konzertreihe für Neue Musik, bestehend aus 2 - 3 Programmen pro Konzertsaison, statt. Für jedes Programm wird ein*e Musiker*in, ein*e Künstler*in, ein*e Kulturschaffende*r, ein Ensemble oder Kollektiv eingeladen. Diese*r oder zumindest ein Mitglied des Ensembles oder Kollektivs soll aus dem Kanton Thurgau stammen, hier wohnhaft oder aktiv tätig sein. Für die Kooperationen sollen nebst Musiker*innen auch Künstler*innen aus anderen Bereichen berücksichtigt werden, um den interdisziplinären Zugang zu fördern. Gemeinsam mit den Partnern werden die Programme konzipiert. Diese dauern ca. 60 Minuten, beinhalten nach Möglichkeit eine Uraufführung und werden in Weinfelden sowie an 1 - 2 weiteren Orten im Kanton Thurgau aufgeführt. Dabei sind Konzerte, Installationen oder andere Formen denkbar. Als künstlerischer Leiter und Organisator wählt Christoph Luchsinger die Partner aus, mit welchen er gemeinsam ein Programm entwickeln und aufführen wird.
NOEISE findet nicht im Konzertsaal statt, sondern dort, wo das Publikum bereits ist: Die Kunst kommt zum Publikum. Die Konzerte, Performances oder Installationen finden im öffentlichen Raum, in Fachgeschäften, bei Detailhändlern, in Werkstätten, Cafés oder Bars statt. Alles ist möglich: Fabrik, Buchhandlung, Konditorei, Durchgangszentrum, Friseursalon, Gärtnerei, Metzgerei, Velogeschäft, Weingut oder im Zug. Der Aufführungsort steht idealerweise mit dem Konzept des Programms im Kontext.
Interaktionen zwischen Wort und Klang stehen im Zentrum des ersten Programmes von NOEISE, welches Bibliotheken im Kanton Thurgau zu Aufführungsorten macht. Sieben Radioapparate stehen in den Bücherregalen und murmeln vor sich hin. Ein Kauderwelsch aus Wortneuschöpfungen in sieben Sprachen; russisch, chinesisch, englisch, albanisch, thurgauisch, ungarisch. Als ob Bücher sprechen würden. Fremd und doch irgendwie vertraut. Die sieben Sprachmaterialien werden in Musik und Gesang übersetzt.
Die sieben Spuren aus Wort und Ton und Lied bilden ein Stück. Die Apparate sind jedoch zu weit entfernt voneinander platziert und zu leise eingestellt, als dass sich ein Gesamteindruck vermittelte. Das Sprachmusikstück 'Ungefähre' entschlüpft permanent, bleibt Fragment aus Wortfetzen und kleinen Klangskulpturen. Zu bestimmten Uhrzeiten trifft der Trompeter einen sprechenden und singenden Radioapparat, es kommt zum flüchtigen Duett. Ein Übereinander, Miteinander, Nacheinander; geschwätzig, dünnfädig oder schweigend. Am Abend wird das Konzert für Radioorchester und Trompete aufgeführt. Dazu installiert Blablabor 42 Kofferradios, die leise rauschen. Der Trompeter hört ab Kopfhörer gesprochene und gesungene Wörter. Diese übersetzt er auf sein Instrument. Währenddessen bringt Blablabor nach und nach die sieben in der Bibliothek verstreuten UKW-Sender und Kofferradios zum Konzert. Mit jedem eintreffenden UKW-Sender stimmt eine Gruppe von Kofferradios in das Konzert ein. Die Trompete schwatzt ungerührt weiter.
Weitere Programme im April (Thema: Bewegung und Klang) und im Juni (Thema: Geschmack und Klang) folgen.
zVg