10.08.2022 09:15
«Unnötige, ja schädliche Initiative»
Das Nein-Komitee zur Massentierhaltungsinitiative hat den Abstimmungskampf gestartet
Am 25. September kommt die Initiative «Für eine Schweiz ohne Massentierhaltung» zur Abstimmung. Thurgauer Bauern und das Gewerbe hoffen auf ein klares Nein. Auf dem Hof der Familie Goldinger bei Homburg fand am Montag der Kampagnenstart statt.
Homburg Die Bauern rechnen mit dem Schlimmsten. Das wurde beim Presseanlass zum Kampagnenstart klar, der passenderweise vor dem Hühnerstall stattfand, gelegentlicher Hahnenschrei inklusive. «Wir müssten wahrscheinlich die Legehennenhaltung aufgeben, da sie sich wirtschaftlich nicht mehr tragen würde», stellte Landwirt Hansjörg Goldinger fest. Heute hat er rund 9000 Hühner im 2018 erbauten Stall. Bei Annahme der Initiative wären nur noch 2000 Tiere pro Stall erlaubt. Er und seine Frau Denise arbeiten im Vollerwerb, dazu stellen sie verschiedene Hilfen im 40-Prozent-Pensum ein und bilden einen Lehrling aus. Neben dem Schwerpunkt Legehennen haben sie eine Mutterkuhhaltung mit 15 Kühen, für die sie 10 Hektaren Grünland bewirtschaften, betreiben Ackerbau auf rund 10 Hektaren und stellen Obstprodukte mit 150 Hochstammbäumen her. «Wird die Initiative angenommen, müssten wir uns einen Zusatzerwerb suchen», so die Befürchtung des Bauern.
Dass die Initiative für viele Bauernfamilien existenzbedrohend sei, und zudem weitreichende negative Folgen für vor- und nachgelagerte Betriebe sowie Konsumentinnen und Konsumenten habe, betonten die anschliessenden Rednerinnen und Redner ebenfalls.
Wirtschaftsfeindlich
«Es ist eine wirtschaftsfeindliche Initiative», sagte Hansjörg Brunner, Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands. «Sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Fleisch- und Milchverarbeitung oder Logistik gehen Tausende von Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren.»
«Mir kommt es vor, als ob grün-linke Ideologen unsere Selbstversorgung an die Wand fahren wollen», so der Vorwurf des Nationalrats Manuel Strupler. In seinen Augen ist die Initiative unnötig, weil es bereits heute einen Dschungel an Labels gebe, ein Überangebot. Konsumentinnen und Konsumenten können bereits heute an der Theke entscheiden, was sie kaufen. Da brauche es keinen politischen Zwang oder Bevormundung. «Hinter der Initiative stehen Organisationen, denen es vor allem darum geht, uns unseren Speiseplan vorzuschreiben und uns zu zwingen, weniger Fleisch zu essen», ahnt der SVP-Politiker.
Wenn Betriebe, die Schweine, Hühner oder Mastrinder halten, aus der Produktion aussteigen oder diese verringern müssen, wäre mehr Ackerbau eine Lösung. Bei der Verarbeitung pflanzlicher Lebensmittel fallen aber sehr viele Tonnen Nebenprodukte an. Rund 30 Prozent der zu verarbeitenden Menge ist dies etwa bei der Mehlproduktion. «Diese Nebenprodukte fressen heute zum grössten Teil unsere Nutztiere», brachte Maja Brunner, Präsidentin des Verbands Thurgauer Landwirtschaft, ein weiteres Argument ins Spiel. Ohne Tiere werden diese Nebenprodukte den Biogasanlagen zugeführt. «Das wäre ökologischer Unsinn und Food Waste auf hohem Niveau», ärgerte sie sich.
Kurbelt Einkaufstourismus an
Zudem wird ein Preisanstieg für Fleisch-, Eier- und Milchprodukte befürchtet. «Sollen diese denn nur noch für Bessergestellte zu haben sein?», fragte Nationalrat Christian Lohr. «Die anderen sollen verzichten? Das kann ich nicht unterstützen. Zu einer freien Gesellschaft gehört Wahlfreiheit.» Zudem erachte er die normale Schweizer Produktion als so tierfreundlich, dass er sie ohne schlechtes Gewissen kaufen könne.
Zum Tierwohl äusserte sich der Müllheimer Tierarzt Felix Goldinger, der feststellte: «Den Schweizer Nutztieren geht es gut». Die verabreichte Menge an Antibiotikum habe sich seit dem Jahr 2011 halbiert, bei gleichbleibender Populationsmasse. Ein Indikator für die Eutergesundheit bei Milchkühen sei die Anzahl der Zellen in der Milch. Diese sei in der Schweiz fast halb so gross wie in Deutschland. Bei Hausschweinen seien Krankheiten besiegt, mit denen umliegende Länder noch zu kämpfen haben. Zudem greife das Kontrollsystem: Bei unangekündigten Kontrollen werden nur bei etwa jedem zehnten Betrieb Mängel festgestellt. «Auch die Gesellschaft Schweizer Tierärzte lehnt die Initiative ab, weil sie die Nutztierhaltung zu stark einschränken würde», so der Veterinär.
Der Thurgauer Kampagnenleiter und ebenfalls betroffene Landwirt Aaron Milz, fasste am Ende zusammen: «Die Schweizer Nutztierhaltung hat weltweit Vorbildcharakter. Die Initiative ist unnötig und schädlich. Unser Ziel ist ein klares Nein an der Urne mit einer hohen Stimmbeteiligung.»
Von Stefan Böker