22.06.2023 14:58
Velohauptstadt Weinfelden
Event aus Sicht der Organisatoren
Weinfelden konnte sich als würdiges Etappenziel der Tour de Suisse beweisen und schuf ein freudiges, respektvolles Fest - trotz des tragischen Unfalls von Gino Mäder am Vortag. Das OK war emotional gefordert und musste am Renntag «einfach nur funktionieren». OK-Chef Daniel Engeli erzählt, wie es ihm dabei erging.
Weinfelden «Ich habe zwei A4-Seiten voll geschrieben mit meinen Gedanken», sagt Daniel Engeli zu Beginn
des Gesprächs und lächelt traurig. Drüber reden, drüber schreiben, das helfe beim Verarbeiten, so der Weinfelder Stadtrat und OK-Chef für die Organisation und Durchführung des Etappenortes Weinfelden im Rahmen der Tour de Suisse am vergangenen Samstag. Das Gefühl, nach einem Grossevent in ein Loch zu fallen, kenne er von anderen Anlässen. Doch im Gegensatz zu anderen Anlässen hinterlässt die die Durchführung des TdS Etappenortes Weinfelden nicht nur positive Gefühle. «Der Event verlief rein organisatorisch gesehen perfekt. Die Helferinnen und Helfer unterstützten uns tatkräftig, wir konnten weit über 5000 Gästen auf dem Etappengelände
zählen und waren gerührt über den Support der Menschen an den Strassenrändern in der Region.»
Tödlicher Unfall von Gino Mäder
Doch die Hiobsbotschaft über den Tod von Gino Mäder brachte Engeli und seine OK-Mitglieder aus dem Konzept. «Es war bis zum Freitagabend nicht klar, ob die Etappe nach Weinfelden durchgeführt wird. Ob das Wetter passt oder viele Leute kommen, war plötzlich nicht mehr relevant. Mein grösster Wunsch war es, dass es am Samstag in Strömen regnet, dafür Gino mitfahren kann.» Daniel Engeli ist selbst passionierter Velorennfahrer, fuhr die Albulastrecke, wo sich der tragische Unfall ereignete schon diverse Male selbst. «Ich sass am Mittagstisch mit
meiner Frau als ich erfuhr, dass es Gino Mäder nicht geschafft hat. Ich setzte mich gleich aufs Rad und fuhr
zweimal die Damenstrecke ab, um den Kopf frei zubekommen. Unterwegs musste ich anhalten, da mich die Emotionen überkamen.» Am Folgetag musste Engeli funktionieren als OK-Chef. Der Entscheid von Ginos
Familie, seinen Teamkollegen und schliesslich von der TdS-Leitung stand fest, der Event fand statt. «Es ging dabei nicht um mich und meine Gefühle, ich musste professionell sein, einfach den durchgetakteten Tag möglichst gut koordinieren. Und dann las ich am Montag den Artikel in einer Tageszeitung. Ich wurde erneut total aus der Bahn geworfen.» Aus dem Kontext gerissen sei seine Aussage, dass man: «entweder ein Radsportler sei, oder nicht.» Und dass er den Entscheid einiger Fahrer bedauere, dass sie nach Ginos Tod nicht mehr antreten. Er fühlt sich als emotions- und empathielos dargestellt, was ihn persönlich stark trifft. Einige Teile des Artikels wurden mittlerweile online aus dem Bericht gestrichen, der Titel geändert. Das er als ein «knallharter»
OK-Chef dargestellt wird, beschäftigt ihn. Auch die Aussagen im Artikel, dass es ein «sehr bedrücktes Fest» war, die Trauer belastend über dem sportlichen Geschehen stand und die Freude über die Leistung der Fahrerinnen und Fahrer ausblieb, findet er schade.
Respektvolles Fest
Es ist ein emotionales Gespräch, bei dem ich selbst einige Male leer Schlucken muss. Vor allem, da ich selbst dem Event beiwohnte und die Stimmung ganz anders erfasste. Kinder trommelten voller Vorfreude an die Bande, als die ersten Fahrer das Ziel passierten, Besucherinnen und Besucher feuerten die Sportler lauthals an und applaudierten, als der Sieger zu Ehren von Gino Mäder ein Zeichen gen Himmel sandte. Und die Leute standen bei der Zieleinfahrt nahe beisammen, weil es
«pumpenvoll» war, nicht aus anderen Gründen. Ein respektvolles Fest, das sicherlich auch dem jungen Radsportler gefallen hätte. Doch so sind die Auffassungen anders, und Engeli muss die Darstellung akzeptieren
und verarbeiten. Engeli fragt sich im Nachgang, ob er bei seiner Ansprache an die Sponsoren und Gäste zum
tragischen Tod etwas hätte sagen müssen. Er ist überzeugt: für viele war die Durchführung des Anlasses
auch gut für die Verarbeitung zum tragischen Unfall, seien es die Radsportlerinnen und Radsportler, die
Organisatoren und auch die vielen Besucherinnen und Besucher. Er suchte das Gespräch mit uns und wollte seine wahren Gefühle offenlegen, möchte öffentlich von den schweren Stunden vor und während dem Event erzählen. Ein mutiger Schritt finden wir.
Von Desirée Müller