18.02.2024 00:00
«Vorne wird munter produziert und hinten füllen sich die Tierheime»
Nach 240 Sendungen verabschiedet sich Margrit Geissler aus der TV-Sendung «Ein Platz für Tiere» im Bodensee TV Steckborn Kreuzlingen. Während den Sendungen hat sie zahlreiche Hunde vermittelt.
Frau Geissler, viele kennen Sie aus der TV-Sendung «Ein Platz für Tiere». Nach 240 Sendungen verabschieden Sie sich nun aus der Sendung. Wie geht es Ihnen damit?
Abschied ist immer schwer. Ich mag Veränderungen nicht sonderlich. Es war eine schöne Zeit mit lieben gleichgesinnten Menschen.
Wird es einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin geben?
Ja, wir haben den Verein Tiergarten gegründet, mit Dr. med. vet. Lisa Goldinger als Präsidentin. Es wird in unserem Sinne weitergeführt für Tierschutzhunde und Pensionshunde.
Gab es Highlights oder besondere Ereignisse in dieser Zeit beim Bodensee TV Steckborn?
Eigentlich war jede Sendung besonders. Manchmal lustig, aber ab und zu auch traurig. Denn jedes Tier hatte eine eher traurige Geschichte. Das macht Tierschutz so schwer.
Sie haben vor über 40 Jahren den Tiergarten in Pfyn gegründet. Wie kamen Sie zum Tierschutz?
Eine schlecht geführte Hundezucht in unserem Dorf schockierte mich bereits als 10-Jährige. Da wusste ich, dass ich einmal ein Hundeheim führen möchte.
Und wie viele Hunde konnten Sie in den vergangenen Jahren vermitteln?
Leider eine traurige Bilanz. Es sind in 43 Jahren zirka 1600 Hunde, die schuldlos ihr Zuhause verloren haben und viele von ihnen getötet worden wären. Wir haben die Hunde in Eigenverantwortung aufgenommen, sie kastriert, geimpft, gechipt und für sie einen Lebensplatz gesucht.
Woher kamen diese vielen Hunde ursprünglich?
Am Anfang waren es hauptsächlich Sennenhunde aus der ganzen Schweiz, mehrheitlich Appenzeller Mischlinge. Es gab so viele davon und niemand wollte sie. Dann kamen auch Hunde aus dem Ausland dazu. Meistens von Tierfreunden, die auswanderten, dort das Elend sahen und die Hunde in die Schweiz mitbrachten. Und dann braucht man Freunde, die helfen sie wieder zu vermitteln.
Gab es unter den Vierbeinern auch unvermittelbare Hunde und was geschah mit diesen?
Ja, unvermittelbare Hunden gab es sehr viele in den vergangenen Jahren. Sie blieben bei uns und wurden unsere Familienhunde.
Welche Geschichte ging Ihnen dabei besonders ans Herz?
Eigentlich jede Einzelne, denn jeder Hund hat mir sein ganzes Vertrauen geschenkt. Das ist das Grösste, was man bekommen kann, das geht immer Mitten ins Herz. Und dann hat man natürlich die Riesenverantwortung, für jeden Vierbeiner das Beste zu geben. Aber es gab natürlich auch immer wieder ganz tragische Geschichten.
Was halten Sie davon, wenn Menschen nur gezüchtete Hunde aufnehmen oder sich Hunde in den sozialen Medien «aussuchen» und «bestellen»?
Es gibt ungefähr 400 verschiedene Hunderassen. Diese zu haben ist schön, vielleicht auch wichtig. Und es gibt sicher auch gute Gründe, einen Rassehund zu kaufen. Aber es wird leider viel mehr gezüchtet oder produziert als es notwendig ist . Dann gibt es noch die vielen Mischlinge, die geboren werden, weil jemand glaubt, dass ausgerechnet darauf die Welt wartet. Menschen, die von nichts eine Ahnung haben. Vorne wird munter produziert und hinten füllen sich die Tierheime. Das ist sehr schlimm, und trotz grossen Anstrengungen hat sich nichts geändert.
Wer ist Ihrer Meinung nach geeignet, einem Hund ein Zuhause zu schenken. Auf was haben Sie bei der Vermittlung Ihrer Pflegehunde geachtet?
Man muss sich Zeit lassen, um den richtigen Hund zu finden. Man darf sich dabei nicht vom Aussehen des Hundes verleiten lassen. Vieles spielt eine grosse Rolle wie die Zeit, das Umfeld, das Arbeitspensum oder die Familie. Alle Interessierten sollten sich vorher sehr gut beraten lassen, was passt. Aber heute muss leider alles schnell gehen. Gestern gesehen, heute gekauft im Internet. Ein Hund kann 15 Jahre alt werden, das wird oft vergessen. Die meisten haben keinen Plan B. Aber wenn es schief geht, finden sie jedes Tierheim auf der Welt, um den Hund so schnell wie möglich zu entsorgen.
Mittlerweile entstand der Verein Tiergarten. Aus welchen Beweggründen heraus, wurde dieser gegründet?
Es ist unser Lebenswerk, meine Berufung, nicht nur mein Beruf. Es war unser Wunsch, dass weiterhin, vor allem Tierschutzhunde, vorübergehend ein liebevolles Zuhause haben, bis für jeden der passende Lebensplatz gefunden ist. Einfach aufzuhören, damit hätte ich grosse Mühe gehabt. Es gibt immer weniger Tierheime, das ist sehr traurig. Es braucht uns mehr denn je. Der Tiergarten ist ein wunderbarer Platz, um zu leben, für Mensch und Tier. Es ist nicht nur ein Platz für Hunde, es haben sich viele andere Tiere angesiedelt. Turmfalken nisten hier und es leben Wiesel und Fledermäuse hier. Am Teich leben Frösche, Molche, sogar eine schöne Ringelnatter. Und die Schwalben kommen am Abend schwarmweise, um zu trinken. Es ist ein Tiergarten und alle fühlen sich wohl hier. Es ist unser Paradies. www.tiergarten-pfyn.ch
Interview: Angelina Rabener