Erich Baumann bei der Demonstration gegen die Verfolgung von Chinesen, die Quigong-Disziplin Falun Gong praktizieren. zVg
10.03.2022 12:17
Wegen friedlichem Protest schuldig in 7 Anklagepunkten
Erich Bachmann wurde vor 20 Jahren in Hongkong verhaftet
Am 14. März jährt sich der 26 Tage lange Schauprozess gegen den Tägerwiler Erich Bachmann in Hongkong. Wegen einer Demonstration gegen die Verfolgung von Chinesen wurde er angeklagt. Dann nahmen die Verhandlungen eine andere Wendung. Noch heute setzt sich der 60-Jährige für die friedliche Falun Gong Bewegung ein.
Tägerwilen „Und dann wurde unsere Gruppe vom Gericht in Hongkong in 7 Anklagepunkten schuldig gesprochen“, beendet Erich Bachmann mit ruhiger Stimme den ersten Teil seiner Geschichte. Eine Geschichte, die 20 Jahre zurückliegt, aber im Kopf des heute 60-Jährigen aus Tägerwilen immer noch so präsent ist, als ob er gestern verhaftet und verurteilt worden wäre. Bachmann lebt nach der Qigong-Disziplin Falun Gong, die langsame Übungen und eine Meditation mit einer Moralphilosophie verbindet, die sich auf die Grundsätze Wahrhaftigkeit, Gutherzigkeit und Nachsicht stützt. Für Praktizierende in China ein sehr gefährliches Leben, werden die Anhänger von Falun Gong doch verfolgt und in Arbeitslager gesteckt wo sie bewiesenermassen als lebende Organbank dienen. Die Bewegung wuchs Ende der 90-er Jahre sehr schnell und überstieg die 100-Millionen-Grenze im Reich der Mitte. Anfangs von der kommunistischen Partei unterstützt wurde Falun Gong langsam zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Dass etwas ohne Zwang auf freiwilliger Basis praktiziert wird, missfiel Jiang Zemin, dem damaligen Staatspräsident der Volksrepublik und dass die Mitgliederzahl diejenige der Kommunistischen Partei überstieg beunruhigte ihn. Heute wird Falun Gong in China im Stillen, ja sogar im Heimlichen praktiziert. Wer die Philosophie öffentlich lebt, muss mit einer langjährigen Haft in einem Arbeitslager rechnen. Umstände, die Erich Bachmann erschütterten.
Erfolglose Aktion
Der Tägerwiler erfuhr 1999 erstmals von Falun Gong, nachdem er nach einer Alternative zu Yoga suchte. «Wenn etwas aufrichtig ist, warum wird so viel Geld dafür verlangt?», hinterfragte Bachmann den teuren Yoga-Unterricht. Er besorgte sich Bücher, lernte die Übungen und identifizierte sich immer intensiver mit den Grundsätzen. Kurze Zeit später begann die Verfolgung der Anhänger in China. Gemeinsam mit Gleichgesinnten organisierte Bachmann Infostände und verteilte Flyer, um auf die Missstände in China aufmerksam zu machen. 2008 vor den Olympischen Spielen ergab eine internationale Unterschriften-Aktion über 1,2 Millionen Unterschriften aus 131 Ländern. Bachmann oblag die Aufgabe, die Petition beim IOC in Lausanne einzureichen – doch nichts passierte. „Wir waren sehr enttäuscht, was hilft denn noch, wenn so viele Stimmen nichts zählen!“
Längere Reise als geplant
Vor genau zwanzig Jahren wollte Erich Bachmann einen Schritt weitergehen und nach China reisen um dort auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegen die Verfolgung zu protestieren, wie es eine andere Gruppe zuvor bereits erfolgreich getan hatte. Drei Bekannte wollten ihn begleiten, doch die Vier bekamen kein Visum. Wohl gebe es technische Probleme beim Ausstellen – doch für Bachmann waren die Beweggründe klar – unsere Namen standen auf der schwarzen Liste. Eine Einreise in Hongkong wurde ihnen hingegen erlaubt: „Die internationalen Medien sind dort ansässig, daher rechneten wir mit einer grossen Aufmerksamkeit. Lokale Praktizierende, zu denen wir vorher Kontakt aufgenommen und durch sie auch die Legalität unseres Vorhabens haben abklären lassen, sendeten ihnen am Vorabend eine Medienmitteilung.“ So setzte sich das kleine Grüppchen friedlich mit einem Transparent auf den Platz vor dem Verbindungsbüro zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland. Einige Einheimische gesellten sich zu ihnen und so wuchs die Gruppe auf 16 Personen an. Vorab informierte Bachmann die Zuständigen über die geplante Aktion, welche legal war. Der Platz wurde trotzdem innert kurzer Zeit abgeriegelt und drei Stunden später fand sich Bachmann in einem Polizeiauto wieder. „Die Beamten versuchten uns, mittels Drücken eines Punktes hinter dem Ohr, starke Schmerzen zuzufügen, doch es nützte nichts“, sagt Bachmann amüsiert. Ohne Wiederspruch aber auch ohne Mithilfe wurden die Demonstranten abtransportiert. Später wurde ihnen vorgeworfen, sich mit Kraft gegen die Polizeiarbeit gewehrt zu haben. Da es keine Zelle für 16 Personen gab, wurde die Gruppe in einen grossen Raum gesperrt. Im Laufe des Abends kamen die vier Schweizer frei, dem Schweizer Botschafter in Hongkong sei Dank. Drei Tage später erreichte sie die Vorladung vors Gericht. Bachmann durfte zurück die Schweiz, musste aber für die Verhandlungen wieder nach Hongkong reisen. „Es war ein richtiger Schauprozess, der 26 Tage lang dauerte und erlangte internationale Aufmerksamkeit.“ Die Chinesischen Medien berichteten täglich über den Fall – natürlich aus der Sicht der Kommunistischen Partei und ständig mit dem Hinweis, dass es sich bei der Falun Gong Bewegung um eine Sekte handle – was so nicht stimmt. „Falon Gong weist keinerlei Sektenmerkmale auf“, betont er. Das Sekten-Label wurde durch das Regime geschaffen, um die Verfolgung zu rechtfertigen. Erich Bachmann arbeitete zu dieser Zeit bei seinem Bruder, anders wäre diese unerwartete Auszeit schwieriger zu bewältigen gewesen. Während des Prozesses nutzten die Schweizer die Chance und nahmen an weiteren Protesten teil, die lokale Falun Gong Praktizierende organisierten. Nach der Prozesszeit wurden sie schuldig gesprochen und zu einer Busse von 3500 Dollar verurteilt. „Wir verweigerten die Bezahlung, da wir nichts falsch gemacht haben und so die Schuld akzeptiert hätten.“ Zwei Tage später wurde das Strafgeld von einer unbekannten Person bezahlt, wer dies war, weiss Bachmann heute noch nicht. „Die Kommunistische Partei wollten wohl weitere Aufmerksamkeit vermeiden“, vermutet Erich Bachmann. Eineinhalb Jahre später folgte der Freispruch von einem Teil der Anklagepunkte. Nach insgesamt drei Prozessen wurden alle Anklagen fallen gelassen. „Ein klares Zeichen, dass der damalige Richter sehr parteiisch war.“
Am 14. März jährt sich der Tag von Bachmanns Verhaftung zum zwanzigsten Mal, Zeit alles Revue passieren zu lassen. Er ist immer noch aktiv, praktiziert die Übungen und sei ruhiger und anspruchsloser geworden. Mit der Teilnahme an Aktionen versucht er sich Gehör zu verschaffen. „Ich war in den letzten zwanzig Jahren in Berlin, Paris, London, Rom und New York bei Demonstrationen dabei.“ Die ganze Arbeit lohne sich, die Verfolgung wird in immer weiteren Kreisen bekannt und wurde schon mehrfach international verurteilt.
Desirée Müller