OUT IN THE GREEN 2022. Bilder: Stefano Bonello
30.06.2022 16:20
Wenn die Metal-Familie feiert
Out In The Green: Über 25‘000 Fans feierten auf der Frauenfelder Allmend eine riesige Party
Teufelshörner, Bier und gute Laune: Trotz kurzfristiger Absage der Headliner Metallica liessen sich die Fans am Frauenfelder Out In The Green ihre Laune nicht verderben. Mit jedem Bier wurde die Enttäuschung ein kleines bisschen weniger. Egal ob Heavy Metal, New Metal oder Folk Metal: Die Bands aus Übersee und der Schweiz auf der überdimensionierten Bühne wurden gefeiert.
Frauenfeld Am Kreuzlinger Bahnhof steigt ein Fan mittleren Alters auf Anhieb genau in den richtigen Wagen. «Euch hab ich ‹gschmöckt›», ruft der mit einer Plastiktüte voll Bierdosen ausgerüstete Mann seinen Berner Freunden zu, die hier bereits sitzen. Dem schwer tätowierten Pärchen ist seine Metal-Begeisterung anzusehen. Ihr Dekolleté schmücken Pentagramme und Fledermäuse, seine bunten Arme schauen aus der szenetypischen mit Aufnähern bestückten Kutte heraus. Der Neuankömmling berichtet etwas enttäuscht, dass seine Partnerin daheim geblieben sei. «Dabei hat sie sich so auf Metallica gefreut. Sie ist der riesen Fan, aber die anderen Bands sind nicht so ihr Ding.» Ja nun. Sie erhält ihr Ticket ja zurückerstattet. Alle drei knacken eine Bierdose.
Bier und Metal gehen Hand in Hand. Ein Eindruck, der sich beim Schlangestehen auf dem Festivalgelände verhärtet. Vor dem Einlass leeren Fans hastig ihre Vorräte, bevor sie durstig Nachschub verlangen. Die Sonne brennt vom Himmel, Schatten ist selten, Kopfbedeckungen wie Cowboyhüte sind gefragt – nicht nur weil Lemmy von Motörhead so durch die Gegend stiefelte. «49 Prozent Motherfucker, 51 Prozent Son of a Bitch», steht auf dem Tribute-Shirt von Wolle aus dem Thurgau, das anerkennende Blicke erntet.
Katja und Priscilla aus Bellinzona sagen, es habe überhaupt nicht zur Debatte gestanden, den Trip mit dem Zug nach Frauenfeld abzusagen. «50 Franken Entschädigung, das ist fair, die vertrinken wir jetzt.» Fair, das finden auch Jaqueline und Jenna, Mutter und Tochter, die aus dem Aargau beziehungsweise aus Luzern für einen Familienausflug gekommen sind. «Auch mein Sohn ist da», sagt Jaqueline stolz. Etwas grösser ist die Enttäuschung bei Benjamin aus Hohenems, der ein Metallica-Shirt trägt. Er hat von der Absage erst auf der Fahrt erfahren. Für Salomè aus dem Berner Oberland wäre es das erste Konzert mit den Legenden gewesen. Obwohl sie schon seit ihrer Kindheit Fan ist. «In der Schule habe ich mir mal selbst ein Shirt gebastelt», erzählt sie, bevor sie eine Runde spendiert. Und Schluck für Schluck schwindet der Frust.
Heavy Metal ist Krieg
Vor der Bühne wird die Menge zunehmend grösser. Danke für diesen schönen Tag, für diesen «Safe Space», wo wir alle uns selbst sein dürfen, adressiert der Sänger des US-amerikanischen Trios Fever333 sein Publikum. Eluveitie, als Band mit Winterthurer Wurzeln so etwas wie die Lokalmatadore, und die einzige Band, in der neben bärtigen Männern Frauen auf der Bühne stehen, zeigt, dass Metal Gänsehaut-Melodien haben darf. Danach Sabaton aus Schweden. Schreckensszenen aus dem Krieg als Bühnenshow. Explosionen, Panzer, Maschinengewehre? Wer dachte, dass dies aus gegebenem Anlass nicht so passend sei, sieht sich getäuscht. Die «Swedish War Machine» mit ihren Hymnen ist der Gewinner des Abends. Noch mehr positive Reaktionen erhalten nur Five Finger Death Punch. Statt Bierdosen auf einen Zug wegzutrinken, wechselt deren Sänger mehrfach sein Outfit. Sein Mikrofonhalter, ein Schlagring, sendet dafür eine ähnliche Message.
Irgendwann ist die Absage Metallicas dann kein Thema mehr. Carol aus Lindenberg sagt, sie war schon auf 30 Metallica-Konzerten. Halb so wild. Geschimpft wird dafür über die Organisation der Getränkestände und das lange Warten. «Eine Katastrophe», lassen zwei Männer wissen, die sich gleich 15 Bier auf einmal holen, um nicht mehr anstehen zu müssen. Und das, obwohl im Vorfeld mit dem Biervorrat geworben wurde.
Positive erste Bilanz
Letztendlich geht das Out In The Green erfolgreich, geradezu glorreich über die Bühne. Trotz der Schreckensmeldung am frühen Mittwochmorgen. Von 36‘000 Tickets seien 11‘000 zurückgegeben worden, teilen die Veranstalter mit. Über die Höhe des aus der Absage resultierenden Defizits können sie zu diesem Zeitpunkt keine konkreten Angaben machen. Über die Menge des verkauften Bieres ebenfalls nicht. Auch die Polizei meldet ein friedliches Festival und keine nennenswerte Zwischenfälle.
Hier geht es zur Fotostrecke