Wenn Scheiben im Museum spannende Stories erzählen
Zum Internationalen Jahr des Glases zeigt das Historische Museum Thurgau Wappenscheiben, Fensterstiftungen und Allianzgläser. Die neue Audiotour lädt zu Hintergrundgeschichten ein.
Zum Internationalen Jahr des Glases zeigt das Historische Museum Thurgau Wappenscheiben, Fensterstiftungen und Allianzgläser. Die neue Audiotour lädt zu Hintergrundgeschichten ein.
Frauenfeld Langsam gehen die Besucherinnen und Besucher an diesem kalten Wintertag durch die Räume des Schlosses Frauenfeld. Im Innern erstrahlt Wärme. Eine Besucherin sagt, dass sie die Geschichte der Stadt Frauenfeld interessiert. Ein weiterer Besucher ist mit der Technik des Audioguide beschäftigt. Eine Mutter und ihr Sohn halten beim Rundgang inne und flüstern leise. Das Historische Museum Thurgau beleuchtet mit dem Themenjahr «Glas & Gloria. Fensterkunst im Thurgau» verschiedene Szenen. Natalie Golub sagt: «Mich interessiert, wie die Menschen früher lebten.»
Die UNO hat 2022 zum Internationalen Jahr des Glases erklärt. Einen Beitrag steuert das vom Kanton Thurgau geförderte wissenschaftliche Projekt «Die Glasmalereien vom Mittelalter bis 1930 im Thurgau» bei. Realisiert vom Vitrocentre Romont sind die Glasmalereien im Kanton künftig in einer Publikation und über vitrosearch.ch der Öffentlichkeit zugänglich. Die aktuelle Ausstellung im Schloss präsentiert Wappenscheiben, Fensterstiftungen und Allianzgläser. Im 16. und 17. Jahrhundert leistete sich die gesellschaftliche Elite prächtige Kunstwerke aus Glas. Der Adel und angesehene Handwerker zeigten ihren Reichtum. Das Frauenfelder Wappen ziert das «Fräuli mit dem Leuli». Heute sind die historischen Glasmalereien vor allem grosse Kunst. Doch heute denkt niemand mehr an Luxus, wenn es um Glas geht. Es ist in den Alltag der Menschen integriert, man denke da nur Gurkengläser, Trinkgefässe oder Schmuck.
Die Glasscheiben im Schloss Frauenfeld öffnen Pforten zu Geschichten über Helden, Machtkämpfe und die Liebe. Um die Kunst der Glasmalereien zu verstehen, hat das Museumsteam die Audiotour «Ach, du Scheibe!» inszeniert. Statt eines rein wissenschaftlichen Führers wird das Wissen aus der Perspektive dreier fiktiver Guides vermittelt. Museumsbesucher wählen an jedem Standort, ob sie eine Gruselgeschichte von Tanja Gräuel oder Faktenwissen von Sascha De Facto hören wollen. Oder den dritten Sprecher im Bunde: Mit Kammermusik im Ohr führt Fabian Liebeskind in die Romantik der Bildscheiben ein. Die Hochzeit zu Kana ist mit Jesus Christus dargestellt. Dieser füllt Wasser in Krüge ab und verwandelt es in Wein.
Im Gerichtssaal im Schloss kommt niemand an der Gerichtsscheibe aus dem Jahr 1591 vorbei. Tanja Gräuel erzählt, dass am Rathaus Frauenfeld bis 1830 öffentliche Demütigungen wie die Folter mit der Halsgeige vollzogen wurden. Die Werkzeuge dafür sind gleich nebenan ausgestellt. Sascha De Facto weiss, dass die Wappenscheibe der Schützengesellschaft Frauenfeld die einzige aus der Stiftung der Schützenvereinigung Frauenfeld ist, obschon der Verein bereits seit 1483 existiert. 45 dieser Wappenscheiben, Fensterstiftungen und Allianzgläser sind mit faszinierenden Szenen aus der Bibel oder dem Alltagsleben dargestellt und mit den Namen der Schenkenden versehen. So mancher Besucher nickt dem andern zu.
Im Veranstaltungsprogramm zum Themenjahr im Schloss Frauenfeld vertiefen Vorträge, Museumshäppli und Podien kulturelle, politische und gesellschaftliche Aspekte rund um den Werkstoff Glas.
Infos unter www.historisches-museum.tg.ch. Der Audioguide im Schloss Frauenfeld eignet sich ab zwölf Jahren, dauert 45 Minuten und kostet fünf Franken. Der Museumseintritt ist frei.
Von Manuela Olgiati
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