KI-Spezialist Guido Berger zu Gast beim Herbstmeeting von TGShop in Weinfelden.
19.09.2024 00:00
"Wir sind schlauer als die KI"
Referat von KI-Spezialist Guido Berger in Weinfelden
Was hat es mit der in Dauerschleife gehörten «KI» auf sich. Wie wird die künstliche Intelligenz genutzt, in welche Richtung entwickelt sie sich und wie können auch Detaillisten davon profitieren? Guido Berger, seinesgleichen Digitalredaktor beim SRF und Spezialist in Sachen KI, besuchte letzten Dienstag das Herbstmeeting des TGShop in Weinfelden.
Weinfelden Weder witzige Beispiele von KI-Fails, noch eine animierte Powerpointpräsentation. «Guido Berger stand einfach vor das Publikum und sprach, ohne eine Show daraus zu machen», sagt Matthias Hotz, Präsident von TGshop, dem kantonalen Dachverband der Thurgauer Fachgeschäfte. Die 70 Gäste, welche der Einladung zum jährlichen Herbstmeeting folgten, hingen an Bergers Lippen - wenn auch vom langen Bart verdeckt. Er habe es geschafft, den Detaillistinnen und Detaillisten die Angst vor den Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz im Fachhandel zu nehmen. Denn: «Bei uns steht die persönliche Beratung im Mittelpunkt. Das kann keine KI übernehmen.»
«Vater» des Ticketcorners
Mit Guido Berger hat man einen Mann zu Gast, welcher als KI-Ikone der Schweiz gilt. Er weiss, was sie kann und was sie können wird und kann dies hervorragend vermitteln. Ein grossen Thema in seinem Alltag als Digital Redaktor beim Radio SRF. Berger ist jedoch kein «studierter IT’ler» - nein, er studierte Geschichte und ist «digitaler Autodidakt». Mitte der 80er-Jahre lieh er sich einen PC von einem Kollegen aus und war vollends begeistert von all den Möglichkeiten, welche die neue Technologie versprach. In der Schule brachte er sich selbst das Programmieren bei, erstellte Webseiten und arbeitete sich immer tiefer in die digitale Welt ein. Anstatt an der Forschungsstelle für amerikanische Aussenpolitik Assistenzarbeiten zu übernehmen, lockten Bytes, Bugs und Cookies. Sein Wissen reichte zu dieser Zeit, um auch ohne Ausbildung in die Branche einzusteigen und sich bei Internetunternehmen bis zum Projektleiter hochzuarbeiten. «Mein Lieblingskunde war Ticketcorner», so Guido Berger. Er war es, der das Wunderwerk von einem Buchungsportal aufbaute. Dazu gehörten Versicherungen und Banken zu seinen Klienten. «Doch irgendwann fehlte mir der letzte Schliff an theoretischem Wissen.»
«KI» als Marketingbegriff
Die Technologien entwickelten sich rasend schnell, die Programmiersprache wurde komplexer. Das breite Wissen und das Feingefühl, wie sich das Internet weiterentwickeln wird, hatte er jedoch. Und das wusste auch die Medienbranche. Das ehemalige Radio DRS fand Gefallen an dem Technologie-Freak und schuf eine neue Fachstelle, welche sich mit digitalen Themen beschäftigte. An der Spitze Guido Berger. Noch vor Facebook und Smartphone. Vor Instagram und Chatgpt. Doch die künstliche Intelligenz war tatsächlich schon vor all den «Spielereien» an Sozialen Medien vorhanden. Jedoch nicht für den Privatgebrauch, vielmehr in der Industrie. Es war aber nicht von KI die Rede, sondern von «Machinelearning», welches in die 1970er-Jahre zurückgeht. «KI» klinge einfach ansprechender für die breite Bevölkerung. Die Grundsatzidee war es, Maschinen mit Daten zu füttern, ihnen beizubringen, wie sie Regeln erkennen. Wie sie die anhand von Millionen von Referenzen Stimmen von Prominenten oder Politikern imitieren können, Bilder anhand von Beschreibungen erstellen und ganze Bücher nur mit Stichworten schreiben können – an das dachte gewiss niemand. Der «Gump» war laut Berger riesig. Das Thema «Kann eine Maschine denken», stand und steht immer noch im Raum. Kann ein Computer so schlau sein wie ein Mensch? «Ein PC weiss nicht, was denken heisst. Sie können wie Menschen wirken, und das ist für viele genug, um sie als eigenständiges ‘Wesen’ zu sehen.» Man müsse sich eins vor Augen halten: «Ein Kind muss einmal einen Hund sehen, erkennt ihn als solchen und speichert sein Aussehen, sein Verhalten ab. Ein Computer muss Millionen von Bildern ‘sehen’, um das Tier von anderen Arten unterscheiden zu können.» Das zum Thema, ob ein Computer so schlau ist wie ein Mensch. Helfer im Alltag Mit diesem Wissen trat Guido Berger am Herbstmeeting des TGShops vor die 70 Teilnehmenden. Die individuelle KI ist noch nicht auf kleinere Bedürfnisse ausgelegt, respektive die Entwicklung nach ihren Bedürfnissen nicht bezahlbar. Einige Funktionen bieten sich dennoch an: Die kleinen Helfer zum Beispiel, welche einfache Fragen beantworten können oder ein Nutzer mit der Hilfeoption durch eine Webseite führen. Dazu können mittels frei zugänglichen Programmen wie «Deepl» Kundenbriefe geschrieben und Mailtexte erstellt werden. Auch lizenzfreie Bilder für Werbeflyer oder die Webseite können generiert, sogar Jingles erstellt werden. Ein KI-Sänger nach Wahl singt den gewünschten Text. «Eines unserer Verbandsmitglieder nutzt KI zum Beispiel bereits bei der Bewirtschaftung seiner Website und seines Onlineshops», erzählt Matthias Hotz. Bei Routinearbeiten wie dem Uploaden von neuen Produkten auf die Webseite mit einfachen Texten und Bild ergänzt, benutze er ein KI-gesteuertes Tool. Rüstzeug mitgeben Grössere Anbieter wie die Migros oder der Coop nutzen für ihre Kundenbindungstools die KI um zu erkennen, welche Produkte eine Kundin oder ein Kunde regelmässig kauft. Dementsprechend können diese mit passender Werbung versorgt werden. Grössere Unternehmen nutzen die KI zum Beispiel für die Mitarbeitersuche. Analysieren, welche Personen einen Job bisher ausführten, welche Qualifikationen sie mitbrachten und ob sie männlich oder weiblich sind. Anhand der Beschreibungen wird dann ein Jobprofil erstellt – und die neuen Mitarbeitenden nach diesen Kriterien eingestellt. Nicht jede Entwicklung gehe in die richtige Richtung. Berger spricht von einer «möglichen Verzerrung». Das Persönliche kann verloren gehen. Der Kundendienst wird sich verändern. «Ich möchte den Detaillisten das nötige Rüstzeug mitgeben um zu erkennen, was möglich ist und wie sie die künstliche Intelligenz heute schon einsetzen können.» Er ist überzeugt, dass individuelle Lösungen auch für kleinere Unternehmen ohne riesiges Budget in den nächsten Jahren verfügbar sind.
Von Desirée Müller