13.07.2023 08:16
«Wir waren geschockt»
In Kradolf ziehen aktuell Flüchtende ins ehemalige Altersheim der Tertianum Stiftung ein
Asyldurchgangsheime «ploppen » scheinbar nur so aus dem Boden - und dies ohne grosse Ankündigung. So auch in Kradolf. Die Gemüter in der Bevölkerung und auch im Gemeinderat
Kradolf Auf das Traktandum «Verschiedenes » an der Gemeindeversammlung Anfang Juni hatte sich Heinz Keller wohl wenig gefreut, respektive hatte Respekt vor den Reaktionen - zu Recht. Der Kradolfer Gemeindepräsident hatte zu verkünden, dass bereits in Kürze bis zu 80 Flüchtende im neuen Asyldurchgangsheim an der Hauptstrasse 19 einziehen könnten. Im ehemaligen Alterszentrum fand die vom Kanton beauftragte Pelegrina Stiftung die passende Infrastruktur für die nächsten fünf Jahre. Bei einer 1400
Einwohner-Gemeinde machen 80 Personen mehr ordentlich etwas aus, vor allem in den Schulklassen. Keller
zeigte sich wenig begeistert davon, dass der Gemeinderat so spät vom Kanton über das Vorhaben informiert
wurde. Machen konnte die Gemeinde aber nichts gegen die geplante Eröffnung, wenn auch von einigen Personen aus dem Dorf gefordert.
Vorschussvertrauen
Die überraschende Nachricht liegt nun fünf Wochen zurück. Ob sich die Lage etwas beruhigt habe, kann Heinz Keller nicht bestätigen. «Man beobachtet die Situation aber mit etwas positivem Vorschussvertrauen.» 18 Flüchtlinge sind bisher laut dem Gemeindepräsidenten eingezogen und Kradolf stehe in engem Austausch mit der Heimleitung und der Peregrina Stiftung. Diese sieht es als grosse Chance für das Dorf, da Flüchtende «die grosse Welt» nach Kradolf bringen. So romantisch sieht der Gemeinderat wie auch die Schulleitung das Projekt Durchgangsheim jedoch nicht.
Neue Klasse gegründet
Die Schule wurde im Speziellen gefordert. «Es wurde uns mitgeteilt, dass bis zu 20 Kinder aus dem Asyldurchgangsheim eingeschult werden müssen und zwischen sechs Monaten und einem Jahr in Kradolf bleiben », sagt Schulpräsidentin Andrea Müller-Richner. Anfangs war auch sie «geschockt» über die Neuigkeit.
«Doch wir haben uns schnell für eine Lösung bemüht. Wir eröffnen nach den Sommerferien eine zusätzliche
Klasse für Fremdsprachige. Eine bestehende Einführungsklasse für Kinder ohne Deutschkenntnisse führen
wir bereits konstant mit der VSG Bischofszell zusammen.» Doch aus Platzgründen ist eine weitere Klasse nötig. Dort werden mit den Schülern aus dem Durchgangsheim auch andere fremdsprachige Schülerinnen und Schüler unterrichtet. «Wir führen ein integratives Schulsystem an unseren Schulstandorten, aus diesem Grund sind die Klassen durchmischt, entsprechend dem Ausländeranteil in unserem Einzugsgebiet. Nachdem die Kinder über genügend Deutschkenntnisse verfügen, um sich zu verständigen, werden sie einer Regelklasse zugeteilt. Die Schulgemeinde habe zudem bereits Erfahrung in der Integration von ukrainischen Flüchtlingen. Hier sei jedoch der Unterschied, dass künftig die verschiedensten Kulturen aufeinander treffen werden und die Aufenthaltsdauer
sehr verschieden sein könne. «Bei den Flüchtlingskindern des Asyldurchgangsheims wird es häufiger Wechsel geben als bei den ukrainischen Flüchtlingen.» Müller-Richner ist begeistert vom Einsatz ihrer Kolleginnen und Kollegen. «Auch wenn wir zu Beginn sehr überrascht waren, haben wir uns gesagt, dass es unser Auftrag und es
kein Wunschkonzert ist.» Natürlich habe man sich gedacht: «Warum ausgerechnet hier?», doch die «Eilsuche
» nach einer Lehrperson für die Einschulungsklasse liess keine Zeit für solche Gedanken. «Die Lehrpersonen
stehen nicht gerade Schlange. Wir haben grosses Glück jemanden gefunden zu haben, der bereits Erfahrung in der Integration von Flüchtlingen hat».
von Desirée Müller