Geschäftsführung Laura Janesch (links) und Barbara Sterkman, Initiantin und Gründerin der Tagesstruktur «Tapetenwechsel».
Bild: Werner Lenzin
11.07.2024 00:00
Würdevolles Leben mit Demenz im Thurgau
Den individuellen Bedürfnissen gerecht werden
Im zweiten Jahr der Sensibilisierungs-Kampagne «Demenz aus der Sicht der Angehörigen» führten wir ein Gespräch mit Laura Janesch und Barbara Sterkman, Initiantin, Gründerin und Vorstandsmitglied der Tagesstruktur «Tapetenwechsel» in Frauenfeld. Diese bietet pflegenden und betreuenden Angehörigen eine Entlastung.
Region Mit viel Herzblut und menschlicher Zuneigung leitet Laura Janesch die seit sieben Jahren bestehende Tagesstruktur «Tapetenwechsel» am Schwalbenweg 1 in Frauenfeld. Im Interview berichten Geschäftsführerin Laura Janesch und Barbara Sterkman über ihre Tätigkeiten, die Ziele und die Herausforderungen.
Wie ist die Idee von Tapetenwechsel entstanden und mit welchen Zielen und Inhalten wurde der Verein gegründet?
Barbara Sterkman: Aufgewachsen in einer Wohngenossenschaft in Liestal habe ich als Kind schon erlebt, dass die Gemeinschaft wichtiger ist als das Individuum. Gerade im Alter tendieren Menschen dazu, sich zurückzuziehen und dem wollte ich mit der Idee, eine Tageswohnform für Menschen mit besonderen Bedürfnissen (Tagesstruktur) und Entlastung von pflegenden Angehörigen, entgegenwirken. Im Aufbau habe ich vorerst ideell und später vom Trägerverein auch finanziell Unterstützung erhalten, ohne welche die schöne Idee nicht zum Tragen gekommen wäre. Am 2. Juli 2017, die ersten Tagesgäste hatten gebucht, die Anforderungen vom Gesundheitsamt waren erfüllt, startetet wir.
In welchen Situationen kommen Patienten und ihre Angehörigen zu Ihnen?
Laura Janesch: Die Menschen kommen in unterschiedlichen Situationen zu uns. Entweder nach einem Klinik- oder Reha-Aufenthalt, auf Empfehlung der Demenzberatungs- oder Sozialdienststellen, oder es melden sich Angehörige auf Empfehlung von anderen Tagesgästen. Wir empfehlen, so früh wie möglich beim «Tapetenwechsel» einzusteigen, weil das Eingewöhnen für die Betroffenen und manchmal auch für die Angehörigen einfacher fällt.
Wie läuft ein Erstkontakt ab? Was möchten Sie von neuen Besuchern wissen?
Laura Janesch: Ein einmalig durchgeführtes und obligatorisches Aufnahme- und Anamnesegespräch bietet uns die Möglichkeit, die Betroffenen und deren Angehörigen kennenzulernen und die Situation einzuschätzen. Es gibt uns auch die Möglichkeit, Bedürfnisse und Ressourcen der einzelnen Menschen zu erkennen und deren Biografie etwas kennenzulernen.
Was unternehmen Sie mit Ihren Besuchern in der Zeit zwischen 07.30 und 17.30 Uhr, die an einer demenziellen Krankheit leiden?
Laura Janesch: Unsere Tagesgäste treffen am Morgen zwischen 7.30 Uhr und 9.30 Uhr bei uns ein. Bei einem gemeinsamen Kaffee oder Tee kommen sie bei uns an und im gemeinsamen Beisammensein erfassen wir ihre Befindlichkeit und wie es ihnen geht. Im Bewegungsraum findet täglich Gymnastik, Gleichgewichts- und Koordinationsübungen statt. Regelmässig bietet der Tapetenwechsel Musik, Rhythmus, Stimmbildung und Singen an. Der folgende Spaziergang führt uns hinaus in die Natur. Vor dem Mittagessen machen wir Hirnjogging (kognitive Spiele, Gesprächsrunden, Rätseln, ect.) Bei der Zubereitung des Mittagessens können interessierte Tagesgäste mithelfen. Das Essen wird gemeinsam am langen Tisch eingenommen und danach kann man sich im Schlafraum oder auf dem Sofa ausruhen oder ein Nickerchen machen. Unter der Leitung einer Kunsttherapeutin folgt am Nachmittag das Aterlierprogramm, wo sich unser Tagesgäste kreativ ausdrücken können, z.B. mit Malen, Zeichnen, Tonen und Gestalten. Beim anschliessenden Z’Vieri lässt man gemeinsam den Tag ausklingen, bevor unsere Tagesgäste wieder abgeholt werden oder selbstständig nach Hause gehen.
Welche Erfahrungen haben Sie bei ihren Tagesgästen mit Gesang und Musik gemacht?
Barbara Sterkman: Grundsätzlich weckt Musik Emotionen und Erinnerungen. Gemäss heutiger Hirnforschung, bleibt das Verständnis und der Genuss von Musik bis ans Lebensende erhalten. Das ist eine Ressource und ein Trost. So kann z.B. jemand mit Demenz noch lange sein Instrument spielen oder auswendig mehrere Strophen von Lieder singen. Zudem bringt Rhythmus Bewegung in den Körper und die Seele.
Kunst- und Gestaltungstherapie hat in Ihrem Alltag eine wichtige Bedeutung. Wie sind Ihre Erfahrungen bei Ihren Besuchern?
Barbara Sterkman: Unsere Gäste erleben sich in der Kunsttherapie als handelnd und im Gebrauch ihrer Sinne als selbstwirksam. Diese Ressourcen nutzen wir und schaffen damit Raum für Emotionen wie Freude oder auch Traurigkeit. Bilder und andere Werke sind eine Sprache, mit welcher sich Menschen oftmals besser ausdrücken können als mit verbaler Sprache selbst. Das gemeinsame Schaffen im Atelier verbindet die Tagesgäste, welche untereinander sehr tolerant sind.
Wo liegen für Tapetenwechsel die grossen Herausforderungen im Umgang mit Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind und wie gehen Sie die an?
Barbara Sterkman: Wir sind bestrebt, die verschiedenen Fähigkeiten der Menschen zu erfassen. Es geht darum, dass niemand unter- oder überfordern werden soll, zumal die körperlichen und kognitiven Ressourcen sehr unterschiedlich sind. Um dies zu bewältigen, bedarf es eines flexiblen, kompetenten und empathischen Teams, auf das wir im Tapetenwechsel stolz sind.
Sie schreiben auf Ihrer Homepage von Demenz und Validation. Was muss sich ein nicht Eingeweihter darunter vorstellen?
Laura Janesch: Demenz ist eine Erkrankung, respektive ein Begleitsymptom, welche sich unterschiedlich äussert. Sie bringt verschiedene Veränderungen der Gefühle, Stimmung, Kognition und Orientierung mit sich. Validation hat für mich in erster Linie mit einer Grundhaltung von bedingungsloser Wertschätzung zu tun, um dem Menschen würdevoll zu begegnen und zu versuchen ihn in seiner Erlebniswelt wahrzunehmen.
Wie funktioniert ein Stimmtraining und was bewirkt es?
Barbara Sterkmann: Unser Mund-, Zungen- und Halsbereich ist ausgestattet mit den verschiedensten Muskeln. Diese können im Alter erschlaffen und in der Folge wird die Sprache undeutlicher und leiser. Mit gezielten Übungen wirken wir dem entgegen, was manchmal auch amüsant sein kann.
Die Tagekosten sind auf der Homepage mit 85 Franken pro Tag, inkl. Essen angegeben. Welche Leistungen sind darin enthalten und welche nicht und was übernimmt die Krankenkasse?
Laura Janesch: Die Betreuungspauschale beträgt für einen Tag 145 Franken. Der Tagesgast übernimmt davon 85 Franken und die Einwohnergemeinde 60 Franken. Die individuellen Pflegekosten übernimmt die Grundversicherung der Krankenkasse.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft für Ihren Verein?
Barbara Sterkman: Als Vorstandsmitglied von unserem Verein wünsche ich mir, dass der Tapetenwechsel in seiner Form erhalten bleibt und mit Blick in die Zukunft evtl. weitere Standorte entstehen dürfen. Wir freuen uns jederzeit über neue Mitglieder oder auch freiwillige MitarbeiterInnen. Zurzeit verfügen wir auch wieder über freie Plätze und freuen uns auch da über neue Anfragen.
www.tapetenwechsel-frauenfeld.ch
Von Werner Lenzin