Pfarrer Spieth hat am 15. August seinen letzten Arbeitstag in Diessenhofen.
14.08.2025 15:11
AfD wurde ihm zum Verhängnis
Pfarrer Gottfried Spieth verliert sein Amt in Diessenhofen, weil er in Deutschland für die rechte Partei kandidierte
Jahrelang stand er ohne Kontroversen am Altar in Diessenhofen, doch seine Kandidatur für die AfD in Deutschland veränderte alles: Die evangelische Kirchgemeinde und Pfarrer Gottfried Spieth gehen getrennte Wege – offiziell im Guten, aber aus klaren politischen Gründen.
Das Ende seinesAmtes hängt mit seinem politischen Kurs zusammen: Spieth kandidierte in Frankfurt an der Oder für die AfD und sitzt seit einiger Zeit im dortigen Stadtparlament. Seine vorgängigen Aussagen in sozialen Medien, die unter anderem historische Debatten relativiert und nationalistische Töne anschlagen, liessen kirchliche Gremien reagieren. Die Posts entstanden laut Spieth zwischen 2021und2024.«Ichwürdesieals'Küchenphilosophie'bezeichnen,als innerfamiliären Schlagabtausch, als Experimentierfeld mit spielerischer Grenzverschiebung. Dass politische sensible Menschen eines Tages daran Anstoss nehmen würden, wäre mir nie im Traum eingefallen.» Diese Familien-Facebook-Seite habe nur ganz wenige Kommentare und Follower. «Das wurde für einen ganz engen Kreis geschrieben als Provokation und Gedankensplitter.» Die Schaffhauser Nachrichten nahm das Thema auf und brachte den Ball ins Rollen. Landesweit wurde über den «Fall Spieth» berichtet, spekuliert, be-oderverurteilt.DieKirchgemeinde kennzeichnete die Inhalte sowie das Engagement bei der AfD als unvereinbar mit den christlichen Werten und beschloss gemeinsam mit dem Pfarrer die Trennung. Als Brückebauer im Amt Spieth verteidigt sein in Frage gestelltes Engagement bei der AfD und sympathisiert mit der «aussenpolitische Neutralität zwischen den grossen Machtblöcken und volkswirtschaftliche Selbstbestimmung», also gezielte Inlandförderung statt Geldtransfers an supranationale Institutionen. So wie es die Schweiz auch täte. Er sieht sich in seiner neuenPositionalsBrückenbauerimSinne Gorbatschows, wonach «Europa auf beiden Lungenflügeln atmen» müsse. Was bedeutet, dass Europa nur dann wirklich «lebendig» und im Gleichgewicht ist, wenn beide grossenkulturellen,politischenoder geographischen Teile, meist gemeint West- und Osteuropa, gleichermassen einbezogen werden. Er spricht von einem «Friedensnetzwerk», welches er fördern wolle, das politische Kräfte von rechts über links bis zur Mitte zusammenbringe. Er sei in keiner Weise fremdenfeindlich, pflege ein offenes Verhältnis zu Flüchtenden und wolle dies beibehalten. Sein Engagement als Pfarrperson in Diessenhofen liess nie etwas anderes erahnen.
«Habe nie damit gerechnet»
Sein politisches Handeln wurde in der Schweiz jedoch zur Debatte. Er war überrascht über die starke ReaktioninseinerHeimatregion: «Dass die AfD hier dermassen stigmatisiert und ins Abseits gedrängt wird, konnte ich mir nicht vorstellen.» So habe erbeimGedankenaneineKandidatur nicht mit solchen Konsequenzen in seiner Wahlheimat gerechnet. Er verweist auch auf Schnittmengen zwischen AfD und SVP. Beide Parteien sind rechts, wollen weniger Zuwanderung, betonen die nationale Kultur und sind kritisch gegenüber der EU. Die SVP ist seit Jahrzehnten Bestandteil der Schweizer Regierung. Die AfD hingegen bleibt in Deutschland isoliert, ohne Regierungsverantwortung, und steht wegen rechtsextremer Tendenzen unter Beobachtung. Während die SVP ein breiteres wirtschaftspolitisches Profil hat, konzentriert sich die AfD stärker auf Migrations- und Kulturthemen. «Seine» Gemeinde scheint die letzten Jahre der guten Zusammenarbeit trotz dem bitteren Ende nicht ganz zu vergessen. Zurückblickend beschreibt er den Abschiedsgottesdienst als emotional: Viele Gemeindemitglieder hätten mit Tränen reagiert, Kolleginnen und Kollegen teilten Solidarität, teils öffentlich, teils schriftlich, aber es habe auch Kritik und Ermahnung gegeben.
Es gibt weitere Fälle
Der Fall Spieth ist selten, wenn auch kein Einzelfall. In Deutschland mussten in den vergangenen Jahren Geistliche ihre Ämter niederlegen, nachdem sie sich für die AfD engagiert hatten. In Mitteldeutschland verlor ein evangelischer Pfarrer seine Beauftragung, im Saarland wurde ein katholischer Verwaltungsrat abberufen.InallenFällenbegründeten die Kirchen den Schritt damit, dass politische Positionen und Rhetorik der AfD nicht mit dem kirchlichen Auftrag vereinbar seien. Der Präsident der Diakonie Deutschland, Rüdiger Schuch, formulierte es unmissverständlich: «Wer sich aktiv für die AfD engagiert oder deren menschenfeindliche Positionen teilt, kann nicht in der Diakonie arbeiten.» Damit reiht sich der Diessenhofer Pfarrer in eine Reihe von Fällen ein, die deutlich machen, wie eng Kirchenleitung und politisches Selbstverständnis ihrer Amtsträger miteinander verbunden sind und wie schnell diese Verbindung reissen kann, wenn das Engagement als unvereinbargilt.AuchinderSchweiz bleiben Zugehörigkeiten zu Parteien wie der SVP unter Geistlichkeit eine Ausnahme, abgesehen von Ausnahmen wie dem Berner Regierungsrat Pierre-Alain Schnegg sind kaum weitere Beispiele bekannt.
Keine kluge Entscheidung
Ein Religionsexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte, daes sichumeinheiklesThemahandelt, ordnet den Fall ein: Pfarrpersonen hätten eine exponierte Aufgabe und Funktion, weshalb eine gewisse Zurückhaltung angebracht sei. Sie könnten durchaus Vorschläge einbringen, sollten aber nicht versuchen, ihre religiöse Autorität durchzusetzen. Dies habe Spieth auch nicht getan, in seinen Gottesdiensten sei er stets sachlich geblieben. Ob es klug sei, sich so deutlich für eine konkrete Partei einzusetzen, hält der Experte hingegen für fraglich, insbesondere, wenn die Organisation im Ausland angesiedelt sei. Grundsätzlich solle ein Engagement eines Pfarrers möglich sein, doch in diesem Fall sei es zu einem gewissen Gesichtsverlust gekommen. Letztlich sei es entscheidend gewesen, wie die evangelische Kirche reagiert und das gut gelöst habe: Der Konflikt sei intern ausgehandelt, eine einvernehmliche Lösung gefunden worden. Das Verfahren sei gut gewesen, der Schaden begrenzt. Morgen ist Spieths letzter Arbeitstag in Diessenhofen. «Meine Familie ist bereits in Frankfurt an der Oder. Pünktlich zum Schulbeginn der Kinder.»
Von Desirée Müller