06.02.2025 14:44
Auf Yoga-Mission in Afrika
Der Yogatherapeut Daniel Gächter aus Kreuzlingen leistete Freiwilligenarbeit im höchsten Dorf Kenias
Daniel Gächter war Betriebsökonom bevor er sich entschied, die Ausbildung zum Komplementärtherapeuten in der Methode Yoga Therapie zu machen. Er erzählt von einem Freiwilligeneinsatz in Kenia, bei dem er Therapieprogramme für Menschen mit kognitiven Einschränkungen erstellte.
Kreuzlingen «Ich lade dich ein, deinen Stuhl irgendwo im Raum hinzustellen und darauf Platz zu nehmen.» Daniel Gächter hat eine ruhige, angenehme Stimme, zum Thurgauer- mischt sich ein Hauch von «Züridütsch». «Wo wirst du sitzen, dann stell ich ihn in deine Richtung?», frage ich ihn. Daniel lacht. In der Yoga-Therapie folgt der Therapeut dem Klienten in Sachen Platzwahl, erfahre ich. Auch sind es nicht wie vom Yoga gewohnt weltweit etwa gleiche Abläufe der Übungen, sondern auf den Klienten angepasst. Ich habe das Thema Atmung für mich gewählt, sitze nun mittig im Raum, Daniel mir zwei Meter entfernt schräg gegenüber. Wahrscheinlich, dass ich mich nicht ganz so beobachtet fühle. So schliesse ich wie geheissen die Augen und spicke noch einige Male, ob auch er seine geschlossen hält. Tut er. Es folgen sehr entspannende zehn Minuten. Viel länger braucht es nicht, um die Abläufe zu verinnerlichen. Die Chance steht somit hoch, dass die Klienten – und auch ich – diese künftig täglich ausführen.
Bevor ich mich auf den Weg an die Gaissbergstrasse in Kreuzlingen machte, googelte ich eine Weile nach dem Begriff Yoga-Therapie. Die Namenskombi «beisst» sich für mein Empfinden etwas. Yoga bedeutet für mich abtauchen in eine andere Welt, Entspannung pur, eine Art, mit sich und seinem Körper ins Reine zu kommen. Beim Begriff Therapie denk ich eher an eine medizinische Behandlung. Doch irgendwie passen die beiden Methoden wohl doch sehr gut zusammen. Die Trainingserfolge und Studien zur Wirksamkeit sind beeindruckend. Yoga-Therapie wird sogar vielerorts in Kliniken angewendet. Auch im Thurgau. Von chronischen Schmerzen bis zur Bewältigung von Traumatas, Depression, Angststörungen, Burnout und Erschöpfung, Schlafstörungen, Asthma oder Diabetes. Yoga-Therapie ist also längst nicht mehr nur ein Lifestyleangebot, sondern vielmehr eine anerkannte Therapieform.
180-Grad-Wendung
Zurück zu Daniel Gächter. Der studierte Betriebsökonom war zwanzig Jahre in der Privatwirtschaft tätig. Heute sitzt er in einem weissen Trainingsanzug im Yoga-Raum in seiner Wohnung und gibt mir ein Stückchen seines gewaltigen Wissens weiter. Die letzten viereinhalb Jahre absolvierte er die Ausbildung zum Komplementärtherapeuten in der Methode Yoga Therapie. Eine 180-Grad-Wendung. Vom Businessmann zum Yogi. Doch dem nicht genug. Nach unserer Therapiesession setzten wir uns und Daniel erzählt von seiner Reise nach Kenia – dem eigentlichen Grund für unser Treffen.
Aufenthalt in Kenia
Drei Monate lang lebte Daniel in einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen in der höchsten Stadt Kenias auf 2'300 Meter. Geführt wird diese von der «L’Arche Kenya», einer nichtstaatlichen Organisation, die sich unter anderem für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung einsetzt. Dort bildete er das Betreuungspersonal so weit aus, dass es künftig die von ihm erarbeiteten Übungen mit den Klienten durchführen kann. Koordiniert wurde der Einsatz von «Comundo», einer Organisation, welche ebensolche Einsätze von Fachleuten im Ausland aufgleist. «Ich hatte ein Zimmer in ihrer Wohngemeinschaft und erlebte den Alltag eins zu eins mit.» So konnte er die Klienten in Kürze gut kennenlernen und sie im Alltag beobachten. «Die Übungen werden individuell angepasst. So ist es wichtig zu wissen, welche Bewegungen für den Klienten angenehm sind.» Die lebensfrohen Menschen wohnen wegen einer kognitiven Beeinträchtigung in der Einrichtung, welche über Spenden betrieben wird. Einige sind tagsüber hier und gehen abends nach Hause. «Das Gesundheitssystem funktioniert in Afrika anders als in der Schweiz», lernte Daniel Gächter schnell. Einen betreuten Platz zu erhalten, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Kenianer kümmern sich so lange wie möglich um ihre Angehörigen, doch manchmal kommen auch sie an ihre Grenzen. Ambulante Angebote sind für die meisten schwierig zu nutzen. «Oftmals fehlt schon das Busgeld, um zum Beispiel in eine Physiopraxis zu fahren.» So gibt es mobile Services, welche ebenfalls nur dank Spenden funktionieren.
Tipps fürs Management
Seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner auf Zeit waren begeistert vom Besuch des Schweizers. Yoga war für sie kein Fremdwort, so konnten sie sich schnell auf die Therapie einlassen. «Nur die Uhren ticken anders in Kenia», sagt er und lacht. Eine Stunde auf einen Klienten zu warten, sei absolut normal. Die Zeit konnte er gleich für seine zweite Mission nutzen: «Damit das Projekt langfristig überleben kann, benötigt es eine Verbesserung des Managements sowie neue Einkommensquellen», erzählt Daniel Gächter. Hier kam ihm sein «früheres Leben» zu Gute. Der Betriebsökonom analysierte die Zahlen der Organisation und konnte ihnen wertvolle Tipps zur effizienteren Führung geben. «Sie besitzt eine Lederwerkstatt, ein Souvenierladen und ein Gästehaus. Dazu gibt es eine kleine Bäckerei, welche wegen zu hohen Stromkosten nicht mehr betrieben wurde. Ich riet ihnen, diese wieder als solarbetriebene Bäckerei (direkte Nutzung des Sonnenlichts – ohne Elektrizität) zu eröffnen, da das Konzept gut funktionieren könnte.» Und so kam es auch. Daniel Gächter ist sich aktuell wieder am an klimatisieren in der Schweiz. Die Erfahrungen haben ihm gezeigt, dass der Schritt richtig war und er künftig voll auf die Yogatherapie setzen möchte.
von Desirée Müller