Esther Bühler-Weidmann und Paul Horber sind die Gründer der "d'Herberg".
05.02.2026 09:42
d'Herberg: wenn Gegensätze ein zu Hause auf Zeit finden
Wer eine Auszeit braucht, Ruhe sucht, sich aber doch Gesellschaft wünscht, ist hier richtig
Ein Pensionär auf der Suche nach Orientierung, eine Mutter am Rande ihrer Kräfte oder ein junger Mensch, dessen Gedanken sich im Kreis drehen – in der «d’Herberg» in Frauenfeld begegnen sich Menschen, die sich im Alltag kaum je treffen würden. Was sie verbindet, ist der Wunsch nach einer Pause. Nach einem Ort, der weder Therapie noch Hotel ist, sondern Raum schenkt.
FrauenfeldFrauenfeld Manchmal ist ein Gast allein da, in anderen Wochen gesinnt sich eine illustre Gesellschaft zueinander in der «d’Herberg» in Frauenfeld. Esther BühlerWeidmannöffnetdieTürder «d'Herberg», ihr Partner Paul Horber schliesst noch die Tür ihres Hauses ab, das gleich neben der Herberge steht,läuftüberdenHofplatzundgesellt sich zu uns. Wir schlüpfen in Hausschuhe und beginnen zu reden.DieVielseitigkeitzieht sichauch bei den beiden weiter. Sie Theologin,erIngenieur.DocheineGemeinsamkeit haben sie. Beide sind verwitwet, haben es jedoch geschafft, ihr Herz wieder zu öffnen. Nicht nur füreinander, sondern auch für ein gemeinsames Projekt. Paul war sofort an Bord Schon kurz nachdem Esther Paul kennenlernte, teilte sie ihre Vision mit ihm: Ein offenes Haus. Aber keine Notherberge, keine Klinik und auch kein Frauenhaus. Ein Dazwischen, dass es in dieser Form noch kaum gibt. Esther lebte lange in einem Pfarrhaus. Zusammen mit ihrem Mann teilte sie sich die Pfarrstelle.Dazuarbeitete sie alsAsylseelsorgerin. EinhartesBrot –nichtnurfürdieHilfesuchenden, auch für diejenigen, welche zuhören. Die Idee der Herberge stiess bei Paul auf offene Ohren. «Auch wenn ich einen technischenHintergrundhabe,warmir ein offenes Haus nicht fremd.» In seinen jungen Familienjahren hatte er das schon einmal ein wenig ausprobiert. Ohne Businessplan, ohne konkrete Ziele. Anders als jetzt mit Esther. Geld verdienen wolle sie keines, doch «d’Herberg» ist professionell aufgestellt. Zwei Jahre lange lief ein Pilotprojekt in Embrach, mit Erfolg.
DannbrachtedieSuchenacheinem geeigneten Haus die beiden nach Frauenfeld. In dem Zweifamilienhaus, welches Pauls Tochter gehört, fand «d’Herberg» ein zu Hause. Auf der einen Seite pures Familienglück. Auf der anderen ein Ort, wo Menschen auf Zeit wohnen, bei denen das Leben gerade etwas aus den Fugen gelaufen ist. Oder die ein Timeout machen wollen, bevor dies geschieht. Auch hier eine Kombination, welche harmoniert. GegensätzescheinensichimLebenvonEsther und Paul magisch anzuziehen, und sich ebenso magisch zu verbinden.
Einfach nur ein Abendessen oder ein ruhiges Gespräch
Wir laufen durch die Wohnung. Die drei Schlafzimmer sind stimmig eingerichtet, die Stube ist geräumig mit viel Platz zum Atmen, Ankommen, Lachen, Weinen und Reden. Die Gemeinschaftsküche ist gross, in der Mitte ein langer, einladender Tisch. Wir setzen uns und eine halbe Stunde später kommen wir zurück aufs eigentliche Thema zu sprechen.Esther und Paul sind zwei besondere Menschen. Sie zeigen ein sehr angenehmes Interesse an ihrem Gegenüber. Sie sind empathisch, geben aber auchsomanches vonsichpreis.Kein Wunder, dass viele Menschen ihr Angebot annehmen, einmal die Woche mit ihnen zusammen Abend zu essen. Ohne Übernachtung, ohne Verpflichtung. Einfach nur Zeit mit Freunden. Freunden, die aber urteilsfrei sind. In der Wohnung gibt es auch einen Raum abseits des WGLebens für persönliche Gespräche mit Esther. Ein Angebot, aber kein Muss «D’Herberg» ist beides, ein Ort, der eine wunderbare Ruhe ausstrahlt, der Rückzug und Stille ermöglicht, und gleichzeitig ein lebendiges Haus. Einsamkeit sei ein grosses Thema in der heutigen Gesellschaft. Nach Verlusten von geliebten Menschen, wenn Beziehungen schwierig sind, oder im Alter, wenn sich das Umfeld auf natürliche Art verändert. Ein Austausch, ein Lächeln, ein feines Essen: Manchmal braucht es gar nicht mehr, um wieder zu sich zu finden und dann mit Tatendrang wieder vorauszublicken. Das Zusammensein mit dem Paar fühlt sichbefreiendan, ohne «Therapeuten-Touch». Dochsiemüssenauchzusichschauen, «me-Time» schaffen und sich Momente rausnehmen, wo sie nicht immer zur Stelle sind, wenn eineAnfrage kommt.Sie sindsoselbstreflektiert, dass sie regelmässig gemeinsameineSupervisionbesuchen.Sich Zeit nehmen, um ihre eigenen Gedanken zu ordnen.
Freunde gesucht
Dafür wird auch der «Freundeskreis» zurzeit aufgebaut. Teil davon sind Leute, die dem Projekt gut gesinnt sind und sich einbringen möchten. In welcher Form auch immer. «Wir freuen uns, wenn sich gleichgesinnte oder einfach interessierte Personen bei uns melden.» «D’Herberg» ist ein gemeinnütziger, steuerbefreiter Verein. Umso wichtiger seien Spenden und fleissige Hände. Denn es gibt keine fixen Kosten im offenen Haus. «Ein Rahmenistgesetzt,dochjedeundjeder soll die Möglichkeit haben, bei uns zur Ruhe zu kommen. Somit bezahlt man, was man kann. Wir sind fortlaufend auf der Suche nach privaten und institutionellen Spendern, damit sich für alle Situationen eine Lösung findet.»
www.dherberg.ch
Von Desirée Müller