Die Hertler Turmuhr lebt wieder
Sie läuft nicht nur perfekt, sondern ist auch ein Schmuckstück. Die umfassend restaurierte Turmuhr der ehemaligen Villa Hertler steht im Oberstufenzentrum Tägerwilen.
Die umfassend restaurierte ehemalige Turmuhr der Villa Hertler am neuen Standort im Oberstufenzentrum von Tägerwilen. Bild: zVg
Sie läuft nicht nur perfekt, sondern ist auch ein Schmuckstück. Die umfassend restaurierte Turmuhr der ehemaligen Villa Hertler steht im Oberstufenzentrum Tägerwilen.
Tägerwilen Nach vierzig Jahren Altmetall-Dasein hat die aus dem Jahr 1871 stammende mechanische Uhr ein neues Leben erhalten. Auslöser zur Wiedergeburt war der Hinweis des ehemaligen Gemeindepräsidenten Paul Engeli, die Villa Hertler werde abgerissen und damit werde wohl auch die einzigartige Turmuhr zum Opfer fallen. Es sei denn, jemand nähme sich die Mühe sie zu retten. Dieser Jemand war René Gascard,1986 noch in Amt als Sekundarlehrer. Mit dem Ausbau des etwa 100 Kilogramm schweren Werks aus dem engen Dachgeschoss war ein erster Schritt getan, gerettet war vorerst jedoch nur eine mechanische Leiche: Das Uhrwerk defekt, verdreckt, verrostet und einige Teile fehlten. Eine Wiedererweckung im Sinne einer umfassenden Restauration durch eine Turmuhrenfabrik scheiterte an den hohen Kosten. Das endgültige «Aus» drohte.
Eine glückliche Wende brachte die Begegnung und anschliessende Zusammenarbeit mit Urs Roth, der nach der Pensionierung eine Kirchenuhr in Eigenregie restauriert hatte. Nach dem Beschluss auch der Hertler-Uhr neues Leben einzuhauchen, ging das Duo Gascard-Roth ans Werk, motiviert auch durch die Unterstützung der Schulgemeinde. Drei glückliche Gegebenheiten begünstigten das heikle Unterfangen, denn die Turmuhr sollte letztlich wieder perfekt über Jahrzehnte funktionieren. Zum einen stand dem Duo ein breiter Maschinen- und Werkzeugpark, sowie eine gut eingerichtete Schulwerkstatt zur Verfügung. Zum zweiten bot das vorhandene handwerkliche Geschick, gepaart mit dem Erfahrungsschatz der beiden Enthusiasten eine solide Grundlage. Und drittens motivierte der gegenseitig Durchhaltewillen immer auch dann, wenn sich schier unlösbare Probleme in den Weg stellten.
Die Demontage wurde photographisch und in Handskizzen festgehalten. In Kleinarbeit galt es anschliessend die Einzelteile je nach ihrer Beschaffenheit zu entrosten, auszumessen, allenfalls zu richten, zu lackieren, zu ergänzen, zu polieren und für den Zusammenbau fertigzustellen. Probleme stellten sich dort, wo Teile fehlten. Mit «Köpfchen» galt es die Funktion zu ergründen und Zeichnungen als Grundlage für den Nachbau anzufertigen. Eine Besonderheit war die Aufarbeitung der verwitterten Zeiger und Zifferblätter. Nach der Behandlung mit Blattgold erstrahlen sie wieder in vollem Glanz. Der Forderung nach einem stabilen und ästhetisch ansprechenden Unterbau führte zur Konstruktion eines Gerüsts aus astfreiem, verzugsresistentem Eschenholz. Zudem erforderte der Standort Schulhaus ein neu zu schaffendes Getriebekonzept.
Nach hunderten von Stunden Einsatz läuft die Uhr wieder minutengenau. Das Uhrwerk aus der Manufaktur Joseph Mannhardt steht im Schulhaus geschützt in einer massgefertigten Vitrine aus der Werkstätte eines weiteren Tägerwilers.
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