Ein Leben zwischen Legosteinen und Lokalpolitik.
29.05.2025 10:00
Ein Leben zwischen Legosteinen und Lokalpolitik
Das Leben hat ihn geerdet, die Architektur geformt – jetzt bringt Claudio Votta beides in die Weinfelder Stadtpolitik ein
Zwischen Kartonburgen, Alltagstrubel und klaren Überzeugungen wächst der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen – mit Herz und Verstand. Claudio Votta vertritt ab August das Ressort Gesellschaft und Gesundheit im Weinfelder Stadtrat.
Weinfelden Es sind die kleinen Dinge, die einem gleich auffallen: die Wand voller Kinderfotos, die überquellende Schuhablage im Eingangsbereich, die riesige Kartonburg mit Ausguck in der Stube – halb Spielplatz, halb architektonisches Modell. Bei Claudio Votta, Architekt, vierfacher Vater und frisch gewählter Stadtrat, spürt man: Hier wohnt eine Familie, die lebt. Und zwar intensiv. Mit 15, 12 und 9 Jahren – letztere als Zwillingspaar – sind die Kinder längst selbstständige Mitgestalter des Alltags. «Je älter sie werden, desto mehr wachsen unsere Ressourcen als Eltern», sagt Claudio und lacht. Und das braucht es: Neben seiner selbstständigen Arbeit als Architekt und der Familie beginnt für ihn im Juli eine neue Aufgabe – als Stadtrat für Gesellschaft und Gesundheit. Die Wahl war klar. Weinfelden hat ihm mit einem starken Resultat das Vertrauen ausgesprochen. «Ich habe mich sehr über die vielen Stimmen gefreut – vor allem über die positive Energie in den Gesprächen der letzten Monate», sagt Claudio. «Auch Leute, die mich gar nicht persönlich kannten, haben mich angesprochen. Das macht Freude.»
Claudio Votta ist keiner, der Politik als Machtspiel begreift. Für ihn beginnt sie im Alltag, im Zusammenleben. «Alle machen Politik. Wer sich einbringt, bewegt etwas.» Schon als Jugendlicher – aufgewachsen in einer süditalienischen Arbeiterfamilie – beschäftigte ihn soziale Gerechtigkeit. «Wir hatten wenig. Ich habe früh erlebt, wie hart manche arbeiten und wie wenig sie dafür bekommen.» Gerechte Löhne, faire Bedingungen – das waren immer seine Themen. Und sie begleiten ihn bis heute. Früher habe er sich politisch stark links verortet, erzählt er. «Heute sehe ich die Dinge differenzierter. Durch meine Arbeit komme ich mit verschiedensten Lebensrealitäten in Berührung. Und mit der Familie lernt man, was es heisst, mit wenig auszukommen – und was es bedeutet, Verantwortung zu tragen.»
Ein Parasit in Zürich
Claudio wusste früh, wo er hingehört. Und wen er an seiner Seite haben wollte. Als er seine Lehre als Hochbauzeichner machte, besuchte Isabel gerade das Gymnasium – sie begegneten sich in der Jugendzeit, verliebten sich. Sie blieben ein Paar. Später studierte Isabel in Zürich, Claudio war oft bei ihr. «Ein bisschen wie ein Parasit», sagt er schmunzelnd. Wohl habe er sich in der Grossstadt nie gefühlt. Sein Herz hing und hängt immer noch in Weinfelden. Dem jungen Paar war bald klar: Zürich ist nicht ihr Ort. «Wir wussten einfach: Unsere Wurzeln liegen hier. Wir gehören in die Ostschweiz.» So kamen sie zurück – in eine Gegend, die für sie nie bloss Heimat war, sondern ein Anker. «Man könnte sagen, wir sind langweilig, weil wir nie raus wollten. Aber wir wussten: Das hier ist unser Leben.» Ihre Oase – das ist nicht Bali oder New York, sondern Spanien. Isabel hat familiäre Wurzeln in Santiago de Compostela, und immer wieder zieht es die Familie dorthin. «Wir sind nicht viel gereist. Aber wir wussten immer: Unsere Oase ist Spanien. Sie reicht uns.»
Vom Parlament in den Stadtrat
Seine politische Laufbahn begann Claudio im Weinfelder Parlament. «Das war ein super Sprungbrett. Ich sage das auch den Jungen: wir haben es einfach in Weinfelden, um Politik kennenzulernen und zu leben.» In zahlreichen Kommissionen, unter anderem in der Einbürgerungskommission, sammelte er Erfahrung, lernte zuzuhören und eine Meinung nach aussen zu vertreten - auch wenn man selbst nicht zu 100 Prozent überzeugt davon ist. Dass er jetzt das Departement Gesellschaft und Gesundheit übernimmt – sei stimmig. Seine Vorgängerin Ursi Senn sei zwar nie auf der grossen Bühne gestanden, habe aber vieles bewegt. «Sie hinterlässt ein schönes Erbe. Ich freue mich, das weiterzuführen.» Das ihm bisher branchenfremde Ressort kommt ihm gelegen. «Ich erachte das als einen wertvollen Ausgleich zu meinen Berufsalltag.»
Politik mit Bodenhaftung
Was Claudio auszeichnet, ist seine ruhige Präsenz – aber auch die Bereitschaft, Haltung zu zeigen. Temperament gibt es zu Hause genug. «Es wird schon mal laut bei uns, ganz ehrlich. Ein bisschen Feuer gehört dazu.» Aber willkürlich sei er mit seinen Emotionen nie. «Ich glaube, ich habe ein ganz gutes Gespür, wann man handeln muss – und wann zuhören wichtiger ist.» Bei seinen neuen Stadtratskollegen ist er kein Unbekannter: «Mit allen verbindet mich eine Geschichte - so ist es halt wenn man immer am gleichen Ort gewohnt hat». Bald begegnen sie sich auf neuer Ebene, mit gegenseitigem Respekt – und einem gemeinsamen Ziel: Weinfelden weiterentwickeln, ohne sich zu verbiegen.
Auf vielen Hochzeiten tanzen
Seine Selbstständigkeit erlaubt ihm eine gewisse Flexibilität. «Ich kann mir Zeitfenster schaffen – auch wenn’s bedeutet, abends oder am Wochenende zu arbeiten.» Vor allem seit die Zwillinge zur Welt kamen, war Organisation alles. Seine Frau Isabel und er teilen sich die Kinderbetreuung. Jemand von ihnen ist immer zu Hause wenn die Jungmannschaft da ist. Seine Tochter beginnt mit einer Freundin in der Küche zu werkeln. Wohl stehe ein Backprojekt an. Claudio schaut dezent auf die Uhr. Die Kleinen kommen bald nach Hause - bestimmt mit dem Wunsch nach einem Zvieri. «Dazu muss die Wäsche noch gemacht werden», sagt er ganz entspannt. Was bleibt, ist Vorfreude. Und ein klarer Blick auf die nächsten Jahre. Claudio Votta bringt keine fertige Agenda mit – aber eine Haltung: zuhören, verstehen, gestalten. «Der Zeitpunkt hat nie früher gepasst – jetzt ist er da. Ich bin bereit.»
Von Desirée Müller