Alle acht Schafe im Tierpark Kreuzlingen sind an der Moderhinke erkrankt.
14.11.2024 09:44
Eine Chance für Tierpark-Schafe
Die an Moderhinke erkrankten Schafe im Tierpark Kreuzlingen sollten geschlachtet werden, nun gibt es Hoffnung
"Der Tierpark Kreuzlingen schlachtet acht Schafe, anstatt sie zu pflegen». Die Medien berichteten vergangene Woche mit solchen Überschriften nach einem Social Media Post vom Verein gegen Tierfabriken Schweiz über die angebliche «Gräueltat» des Parks. Die klärenden Hintergründe dazu und eine schöne Nachricht.
Kreuzlingen Die Hintergründe wurden mehr schlecht als recht recherchiert. Aber von Vorne: Alle acht Schafe des Tierparks sind an der Moderhinke erkrankt, so wie ein Viertel aller Schafe in der Schweiz. Dabei frisst sich ein Bakterium ins Klauenhorn, was zu starken Schmerzen führt. Der Verein gegen Tierfabriken Schweiz erfuhr von den erkrankten Schafen und wetterte übel über den Park. Die Geschichte ging viral. Eine Aussage des Präsidenten des Tierparks Beat Krähenmann gegenüber der Presse blieb besonders hängen - wenn auch aus dem Kontext gegriffen. «Im Tierpark Tiere
zu zeigen, die vor Schmerzen hinken und auf den Knien sind und dabei keine Aussicht auf Heilung zu sehen ist, das geht nicht. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Tiere schlachten zu lassen.» Diese Aussage ohne vorangehende Erklärung lässt so manchen denken, dass der Tierpark nichts für die Genesung unternommen hat.
Pflege mit Heilungschancen
Der Tierpark Kreuzlingen stellte im Sommer den Befall fest und reagierte sofort. Die Chef-Tierpflegerin Isabelle Rutz ist selbst Moderhinke-Beraterin und begleitete die Pflege kompetent. Sie holte dazu einen Moderhinke-Instruktor vom Veterinäramt an Bord. Die Behandlung blieb jedoch erfolglos, die Verzweiflung wuchs. Die Sanierung, wie man die Behandlung bei der Moderhinke nennt, ist aufwändig, geht lange und benötigt nebst Utensilien wie Fussbäder auch Platz. Denn die Bakterien können sich bis zu dreissig Tage auf einer Wiese und vor allem im Morast halten. Nach jeder Behandlung müsste die Herde somit auf eine andere Weide verlegt werden, um sich nicht gleich wieder zu infizieren. Vier Wochen muss die vorherige abgesperrt bleiben, so dass der Wirt abstirbt. «Bei unserem kleinen Tierpark haben wir einfach nicht die Möglichkeit für die richtige Behandlung», so Beat Krähenmann. Doch versuchen wollten sie es auf jeden Fall. Auch hygienetechnisch gibt es
Schwierigkeiten. Ziegen können Träger der Krankheit sein, diese bricht bei ihnen aber nicht aus. Tritt jemand in den allenfalls befallenen Kot der Geissen und geht danach ins «reine» Schafgehege, fängt das Spiel wieder von Vorne an. Eine Spirale.
Schmerzhafte Behandlung
Die Behandlung ist fordernd für die Schafe. Das Klauenbad kann äusserst schmerzhaft sein, da zuvor, je nach Stärke des Befalls, das Klauenhorn heruntergeschnitten werden muss. «Beim Ausschneiden muss man exakt arbeiten», so Franz Eugster. Er ist der Präsident des Oberthurgauer Schafzüchter Vereins und ein Spezialist in Sachen Moderhinke. Es könne eine «blutige Sache»
werden, wenn man zu viel der Klaue ausschneidet. Die Prozedur brennt beim Baden «höllisch».
Andere Fälle bekannt
Da Franz Eugster nicht mit dem Fall des Tierparks Kreuzlingen vertraut ist, würde er mit der Meinungsbildung nicht zu vorschnell sein. Auch er musste bereits Tiere mit schweren Krankheitsverläufen
schlachten, oder ausmerzen, wie er sagt. Erkrankte Lämmer oder trächtige Schafe, werden üblicherweise in einen Mastbetrieb gegeben, bis sie das Schlachtgewicht erreichen, oder abgelammt haben. Er kennt mehrere Fälle im Kanton, bei denen Landwirte ihre Tiere nach erfolgloser Behandlung schlachten mussten. Eine Rettung der Kreuzlinger Schafe ist noch möglich, die Krankheit ist zu heilen. Aber nicht im Tierpark Kreuzlingen. Dass eine externe Pflege möglich ist, wusste aber weder das Tierparkteam, noch wurde seitens des kantonalen Veterinäramts die Möglichkeit vorgeschlagen.
Doch dann kam ein Lichtblick: Über sieben Ecken meldete sich ein pensionierter Bauer, welcher die Tiere zur Pflege aufnehmen wollte. Doch das Vorhaben scheiterte kurz vor der Durchführung. Eine weitere Lösung tat sich auf, doch am Dienstag kam erneut eine Absage, da die Person nicht über die nötige Zulassung verfügt. Die dritte Lösung wäre ein Hof im Kanton St. Gallen, dieser wurde überraschenderweise vom Verein für Tierfabriken vorgeschlagen. «Die eigenen Animositäten stehen nicht im Vordergrund, sondern das Wohl der Tiere», so Krähenmann. Ihn stört es, dass der Verein
nicht direkt auf den Park mit ihrer Lösung zugegangen ist, sondern die mediale Aufmerksamkeit suchte. Doch sollte sich die Option ergeben, dass die Tiere auf dem Hof gesund gepflegt werden, sei er dankbar dafür. Aktuell wird noch auf die Bestätigung des St. Galler Veterinäramts gewartet. Aktuell sind die Schafe noch im Tierpark Kreuzlingen. Infotafeln weisen auf die Behandlung der erkrankten Schafe hin. Durchaus kein schöner Anblick für kleine und grosse Besucher, doch nur deshalb, würde der Tierpark seine Schafen nicht Schlachten lassen. Auch wenn Presseberichte etwas anderes sagen.
Von Desirée Müller