Roger Liggenstorfer trägt den Thurgau auch im Vatikan im Herzen.
zVg
13.08.2025 14:41
Er kennt den Vatikan wie seine Westentasche
Roger Liggenstorfer führt ein Leben zwischen Petersdom und Bottighofer Dorfzentrum
Wer in Bottighofen durch die Gassen schlendert, denkt wohl kaum, dass hier ein Mann wohnt, der regelmässig dem Papst begegnet, Kardinäle chauffiert und abends auch mal schnell eine Schuhsohlenreparatur vom Kardinal Koch organisiert. Roger Liggenstorfer hat ein Leben hinter (und vor) sich, das sich irgendwo zwischen Sakristei, Sekretariat und Schweizer Gemütlichkeit bewegt.
Bottighofen 1985 machte der in Romanshorn geborene Liggenstorfer die Matura, dann ging es schnurstracks nach Luzern: Theologie und Philosophie, unzählige Stunden pauken die Woche, viel Stoff, noch mehr Ideen. Rom war da noch ferne Vision – bis sich 1988 vier Männer zusammentaten, um in einer WG in der Ewigen Stadt das Leben zu studieren. Erste Romluft, erste Begegnungen mit der Kurie. Besonders prägend: Markus Ries, sein Professor, und Kurt Koch – damals noch Dozent am Katechetischen Institut, heute Kardinal und Liggenstorfers wichtigster Weggefährte. «Die Ostschweizer haben in Rom zusammengehalten», erinnert er sich. Und dieser Zusammenhalt führte ihn weiter. 1995 wurde Kurt Koch zum Bischof gewählt und im Folgejahr in Rom zum Bischof geweiht.
Im Dienst der Ökumene
2010 dann der nächste grosse Schritt: Papst Benedikt XVI. berief Koch ins vatikanische Ökumeneministerium und Roger Liggenstorfer folgte ihm, ganz offiziell, ganz inoffiziell. Offiziell nicht angestellt, inoffiziell Mädchen für alles oder wie er sagt: «Freelancer im Vatikan».
Er ist Fahrer, Pressesprecher, technischer Troubleshooter und spiritueller Wegbegleiter. Einmal kümmert er sich um einen Medientermin mit dem Schweizer Fernsehen, dann wieder um eine kaputte Steckdose. Er liest dem Kardinal Mails vor, verfasst Gutachten, telefoniert mit der Schweizergarde, informiert die Botschaft. «Ein Bindeglied», sagt er selbst, zwischen Koch und der Schweiz, zwischen Vatikan, Alltag und Weltkirche.
Der Bottighofer organisiert nicht nur Kardinalsreisen in den deutschsprachigen Raum, er begleitet sie auch – ob offiziell oder privat. Als bei der letzten Papstwahl die weisse Rauchwolke aufstieg, stand er auf dem Dach – mittendrin, aber ganz ohne Amt. Er ist kein klassischer Sekretär wie viele andere, kein Priester, sondern ein Laie mit Weitblick. Und ein Mensch mit viel Gespür dafür, was gerade gebraucht wird. Unvergess-lich bleibt der Moment, als Papst Franziskus ihm erstmals begegnete. Nicht nervös sei er gewesen, aber «speziell» war’s doch. Man kennt ihn im Vatikan. Einen Badge brauche er keinen, sagt er lachend. Liggenstorferist einer von 3000 Römerinnen und Römer welche zwischen der Grossstadt und dem Vatikan pendeln. Sie haben Jobs wie viele andere. In der IT, der Verwaltung, sind Tankwarte oder Verkäufer. Frauen seien inzwischen in vielen Bereichen präsent – früher undenkbar. «Der Vatikan ist ein Mini-Land mit eigener Tankstelle, eigenem Supermarkt und einer Post.» Ein kleines Universum, fern ab der Öffentlichkeit. Und mittendrin: ein Bottighofer.
Irgendwann heisst's adieu Rom
Nebenbei arbeitet Roger Liggenstorfer noch einen Tag pro Woche für die Landeskirche Baselland, und dies offiziell. Und wenn in Frauenfeld die Bottega del Vino offen ist, trifft man ihn vielleicht am Tisch mit einem Glas in der Hand, im Gespräch mit Freunden oder Kunden. Denn ganz nebenbei führt er noch den Weinhandel, den er von seinen Eltern übernommen hat. Der Vatikan ist sein Alltag, aber der Thurgau bleibt sein zu Hause.
Wenn er mal pensioniert wird? Dann ist Schluss – ganz ohne Theater. «Ich würde nicht um einen anderen Posten kämpfen», sagt er. Der Vatikan ist für ihn ein Lebensabschnitt, kein Karriereziel. Aktuell hat er eine Wohnung in Rom, welcher er sich partiell mit seiner Tochter teilt, die im Rahmen der Ausbildung in Rom studiert. Als Ferienresidenz werde er diese vermutlich aber nicht behalten. Kein Zutritt mehr zum Vatikan zu haben bedeutet ein Onewayticket zurück in die Schweiz.
Doch solange Kardinal Koch seine Hilfe benötigt, ist er zur Stelle. Roger Liggenstorfer, der Mann im Hintergrund, der Brücken baut, Termine koordiniert, sich um einen tropfenden Wasserhahn kümmert und abends mit Journalisten, Kardinälen oder Schweizergardisten am Tisch sitzt – ist vielleicht das, was man einen modernen Kirchendiplomaten nennen könnte. Bescheiden, verlässlich, schweizerisch. Oder einfach: Roger aus Bottighofen.
Desirée Müller