Mondher Mrabet kann sich keinen anderen Job vorstellen.
Desirée Müller
11.07.2025 08:00
Klarer Kurs im kühlen Nass
Im Weinfelder Thurbad geht es im Sommer heiss zu und her. Nicht nur auf den Liegewiesen, sondern auch hinter den Kulissen. Während sich täglich bis zu 2500 Menschen im Wasser tummeln, sorgt ein engagiertes Team rund um Bäderchef Mondher Mrabet für Sicherheit, Sauberkeit und ein gutes Miteinander.
Weinfelden Wenn Mondher Mrabet durch das Drehkreuz der Weinfelder Badi tritt, ist das kein gewöhnlicher Arbeitsbeginn. Er streift nicht nur durch ein Freibad, sondern durch einen eigenen Mikrokosmos aus Chlorluft, Sonnencreme, Stimmengewirr und Verantwortung. Hier kennt er jede Bodenplatte, jede Schraube am Sprungturm. Und doch fühlt sich für ihn jeder Tag ein bisschen neu an. Vielleicht, weil er weiss, wie schnell sich alles ändern kann. Seit Februar 2024 ist Mrabet Leiter Bäder der Stadt Weinfelden. Ein Grossteil des Tages verbringt er mit organisatorischen Dingen, der Entwicklung von Strategien und dem löschen von kleinen «Alltagsbränden.» Zuvor war er fünf Jahre lang Betriebsleiter der Badi Embrach. Ein Ort, mit dem ihn viel verbindet. Dort hat vieles begonnen, dort hat er geprägt und mitentwickelt. Doch nach 17 Jahren im Badialltag in verschiedenen Anstalten – von der Wasseraufsicht bis zur Betriebsführung – war die Zeit reif für eine neue Etappe. Die Ausschreibung in Weinfelden kam genau richtig.
Die Ostschweiz war für ihn immer mehr als eine geografische Richtung. Die Menschen, ihr Dialekt, ihre Direktheit, das gefällt ihm. Aus dem Zürcher Weinland pendelt er nach Weinfelden, Tag für Tag, rund 45 Minuten. Doch der Weg lohnt sich. «Ich bin gern hier», sagt er. Und man spürt: Das ist mehr als ein beruflicher Satz. Der heute 37-Jährige hat ursprünglich eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Doch früh merkte er: Ein reiner Bürojob, in dem er stundenlang auf einen Bildschirm starrt, erfüllt ihn nicht. Sein Vater stammt aus Tunesien, das Element Wasser, speziell natürlich das Meer, begleitet ihn seit der Kindheit und wurde schliesslich zur Berufung. Menschen führen, Verantwortung tragen, mitten im Geschehen sein, das passt besser zu ihm als Zahlenkolonnen und Formulare.
Zwei Häuser, ein Ziel
Die beiden Teams im Weinfelder Bäderbetrieb – eines fürs Hallenbad, eines fürs Freibad – sind organisatorisch getrennt, und lange Zeit lebte jedes für sich. Wie zwei benachbarte Häuser, in denen man zwar das Licht beim andern brennen sieht, aber selten anklopft. Jeder Bereich funktionierte auf seine Weise, doch das grosse Ganze blieb auf der Strecke. Kaum war Mondher Mrabet im Amt, stand er mittendrin in dieser ersten grossen Herausforderung: zwei gewachsene Strukturen zusammenführen, ohne zu überrollen, aber auch ohne stehen zu bleiben. Für ihn war rasch klar: Hier liegt Potenzial brach. Synergien nutzen, voneinander lernen, gemeinsam stärker werden, das war sein Ziel.
Doch zwei Teams zusammenzubringen ist kein Spaziergang. Unterschiedliche Abläufe, Kulturen, Gewohnheiten. Das lässt sich nicht per Knopfdruck vereinheitlichen. Er hätte das auch einfach so weiterlaufen lassen können. Den Status quo verwalten, niemandem wehtun. Doch das ist nicht sein Stil. Stattdessen setzte er auf Nähe, Gespräche und einen klaren Kurs. Nicht mit der Brechstange, sondern mit Ausdauer und dem festen Glauben daran, dass Zusammenarbeit nicht verordnet, sondern gestaltet werden muss. Gute Führung, sagt er, beginnt nicht mit Druck, sondern mit Vertrauen. Ein freundlicher Umgang ist keine Kleinigkeit.
Benehmen ändert sich
Ein Sommertag in der Badi ist für viele pures Feriengefühl. Und auch wenn es manchmal turbulent zu und hergeht, setzt Mondher Mrabet auf eine Kultur der Gelassenheit, bei Gästen wie im Team. Er weiss: Freundlichkeit beginnt bei den kleinen Dingen. Ein Grüezi, ein Lächeln, ein Danke. Wer das mitbringt, erleichtert den Alltag für alle. Gleichzeitig erlebt er auch, dass der Umgangs-ton sich verändert hat. Der gegenseitige Respekt, den man früher als selbstverständlich erwartet hat, ist heute manchmal eine Einladung zur Erinnerung. «Viele Gäste sehen vor allem ihr Recht, aber seltener ihre Verantwortung», sagt er. Und doch bleibt er optimistisch: mit Geduld, Aufklärung und klarer Kommunikation lässt sich viel bewegen.
Ohne Unterhose ins Wasser
Eltern zum Beispiel, die am Beckenrand ins Handy vertieft sind, nimmt er nicht pauschal ins Visier. «Viele meinen es nicht böse. Sie wissen oft einfach nicht, wie schnell im Wasser etwas passieren kann.» Deshalb setzt er auf Aufklärung statt auf Vorwürfe. Immer wieder führt er Gespräche, erklärt, erinnert und das mit Fingerspitzengefühl.
Auch bei scheinbar banalen Themen wie Duschen vor dem Schwimmen oder der Wahl der Badebekleidung geht es nicht um strenge Regeln um ihrer selbst willen, sondern um Sicherheit und Hygiene. «Wenn alle geduscht ins Becken gehen, entlastet das unsere Filteranlagen enorm und sorgt für klareres Wasser.» Jeden Abend werden 130 Filterelemente gereinigt. Viermal am Tag durchläuft das gesamte Badewasser die Anlage, über 2,5 Millionen Liter Wasser. Eine unsichtbare Arbeit, die dafür sorgt, dass am nächsten Tag wieder alles bereit ist.
Mit Ruhe durch die heissen Tage
An Spitzentagen drängen sich bis zu 2500 Menschen auf dem Gelände. Es wird gespielt, gerutscht, getobt, aber auch diskutiert und reklamiert. In solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig Ruhe und Übersicht sind. «Ich versuche, nicht alles persönlich zu nehmen», sagt Mrabet. Wenn nötig, zieht er sich kurz zurück, dreht eine Runde durch den Vitaparcours, atmet durch, sammelt sich und kehrt dann wieder dorthin zurück, wo er gebraucht wird. Diese Haltung wirkt ansteckend. Wer mit Ruhe führt, schafft Vertrauen. Wer mit Respekt spricht, wird eher gehört. Wer mit gutem Beispiel vorangeht, verändert auch die Atmosphäre. Mondher Mrabet ist überzeugt: «Die Allermeisten wollen eine gute Zeit. Wenn man ihnen den Raum dafür gibt, gelingt das auch.» Denn auch wenn sein Alltag oft im Hintergrund spielt, bleibt er ganz nah dran an den Menschen, an den Abläufen, am Geschehen. Er kennt viele der Gäste, weiss, wer wie tickt. Und er begegnet allen mit einer Grundhaltung: «Ich bin ein Sonnenkind», sagt er. «Ich will, dass es freundlich zugeht.» Weisungen ja, aber bitte mit Anstand. Kein Zusammenstauchen, keine Wut, kein Machtspiel.
Was ihn ausmacht, ist nicht nur die Erfahrung, sondern das Herzblut. Trotz anstrengender Tage, schwieriger Gäste, technischer Defekte hat Mondher Mrabet diesen Blick, der zeigt: Ich bin gern hier. Und er schafft es, diesen Geist weiterzugeben. An sein Team, an die Gäste und vielleicht auch an alle, die im Freibad manchmal vergessen, dass Rücksicht nichts kostet, aber viel bewirkt.
Desirée Müller