Die zehn Stehtanks werden in den nächsten Wochen zurückgebaut. mul
16.12.2025 15:59
Mit dem Schweissbrenner statt dem Spaten
Die zehn Stehtanks der Energie Lang AG werden in den nächsten Wochen rückgebaut
Statt eines traditionellen Spatenstichs gab es in Lengwil das ganz eigene Startsignal: den Funkenflug eines Schweiss-brenners. So begann der symbolische Auftakt zum Rückbau der markanten zehn Stehtanks, die jahrzehntelang das Bild der Industriezone prägten.
Lengwil Für Adrian Rüedi, Geschäftsleiter der Auto Lang AG, ist dieser Moment mehr als ein Projektstart. Die Tanks gehören zur Familiengeschichte. Sein Grossvater hatte sie 1969 bauen lassen, in einer Zeit, in der Versorgungssicherheit und wachsende Nachfrage klare Antworten verlangten. Nun steht Rüedi vor denselben Bauwerken, Jahrzehnte später, und sagt offen, dass der Bedarf heute ein anderer ist. Die Dimension dieses Rückbaus wird erst auf den zweiten Blick wirklich greifbar.
Die zehn Stehtanks verfügten zusammen über eine Lagerkapazität von rund 82'500 Kubikmetern. Das entspricht etwa 82,5 Millionen Litern Benzin, Diesel und Heizöl, die hier über Jahrzehnte gelagert wurden. Die Anlage war Teil der schweizerischen Pflichtlagerhaltung, mit der der Bund eine Versorgungssicherheit von rund viereinhalb Monaten gewährleistet. Doch auch diese Reserve wird heute neu bewertet. Sinkende Importmengen und ein veränderter Energiemix führen dazu, dass die Pflichtlagermengen schrittweise reduziert werden.
Gut drei Jahre nachdem der Startschuss für das Projekt Rückbau gefallen ist, stehen die Maschinen bereit und die ersten Schnitte sind gesetzt – für ein Grossprojekt, das sich in der Zeitrechnung der Energiebranche vergleichsweise schnell entwickelt hat. Die Planung, Bewilligungen und Vorbereitungen bis zum tatsächlichen Beginn zählen aus Sicht der Beteiligten zu einer sportlichen Leistung für ein Vorhaben dieser Grössenordnung.
Ein Mann der Tat
Während gesprochen wird, während Erinnerungen und Zahlen nebeneinanderstehen, geht Franz Koller bereits von Mensch zu Mensch. Der Chef der Abbruchfirma KOF verteilt Abbruchschoggi, eine kleine Geste, die erstaunlich gut zu diesem Anlass passt. Seine Augen glänzen. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Freude an der Aufgabe. Für ihn ist der Rückbau der Tanks ein Grossprojekt, aber kein Neuland. Koller ist ein erfahrener Rückbauspezialist, jemand, der weiss, wie man mit Dimensionen umgeht, die Respekt einflössen. Er erklärt ruhig, wie sein Team vorgeht. Von oben nach unten werden die Tanks in Streifen geschnitten. Präzise, kontrolliert, Abschnitt für Abschnitt. Der Stahl wird abtransportiert und dem Recycling zugeführt. Rund eine Woche Arbeit pro Tank. Für Aussenstehende kaum vorstellbar, für Koller und sein Team fast Routine. Er spricht vom Material mit sichtbarer Wertschätzung. Diese Stahlqualität, sagt er, finde man heute kaum noch. Robust, dickwandig, gebaut für Generationen. Koller erläuterte, dass es bei solchen Arbeiten nicht nur um Muskelkraft geht, sondern um eine präzise, sorgfältig geplante Abfolge von Schritten.
Zukunft gesichert
Karl-Paul Zwick, Mitglied der Geschäftsleitung von Lang Energie AG, ist vor Ort zuständig für die weitere Entwicklung des Areals. Er spricht von den nächsten Schritten, von Interesse aus der Region, von dringend benötigten Gewerbeflächen. Geplant ist eine Vergabe im Baurecht. Vorrang sollen Betriebe aus Kreuzlingen und der näheren Umgebung haben. Der Platz für Handwerks- und Gewerbebetriebe ist knapp, die Nachfrage gross. Die Lage hier ist ideal, mit Bahnanschluss und guter Erreichbarkeit.
So steht man an diesem Nachmittag zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen Stahl, der verschwindet, und Raum, der entsteht. Der Auftakt ist unspektakulär und zugleich symbolisch. Kein feierlicher Akt, kein rotes Band. Nur ein Brenner, der ansetzt, und das leise Knistern eines Wandels, der längst begonnen hat.
Von Desirée Müller