Der Emmishofer Narren-Nachwuchs mit dem neuen Präsidenten Beni Lussi (l.).
13.01.2026 11:51
Narren-Arena: "Eini nur für üs"
Am 17. Januar startet der Vorverkauf der Narren-Night-Show in der Buchhandlung Bodan
Fasnacht beginnt normalerweise mit Pauken und Trompeten. Bei den Emmishofer Narren hingegen beginnt sie leise, irgendwo zwischen Sommerferien und erstem Herbstnebel, wenn andere an Glacé denken und sich die Narren fragen, worüber man nächstes Jahr lachen könnte. Ein Treffen mit dem neuen Präsidenten der Narrengesellschaft und den aktuellen «Schnupperlehrlingen»
Kreuzlingen Mit Bernhard Lussi steht ein neuer Präsident an der Spitze der Narrengesellschaft Emmishofen. Einer, der nicht angetreten ist, um alles neu zu erfinden, sondern um dem Gewohnten etwas mehr Luft zu lassen. Sein Vorgänger Markus Baiker, der Mann, der gefühlt immer wusste, wo etwas liegt, wie man etwas organisiert und wen man im richtigen Moment anruft, ist nicht verschwunden. Er ist weiterhin Narr, weiterhin Teil des Ganzen, einfach ohne Präsidententitel. «Es geht nicht darum, etwas abzulösen», sagt Lussi. «Es geht darum, das weiterzuführen, was funktioniert, und gleichzeitig zuzulassen, dass sich Dinge entwickeln.» Man trifft sich im Narrenkeller in Kreuzlingen zum Interview, dort, wo Geschichten entstehen und Meinungen aufeinanderprallen, wo gelacht, diskutiert und manchmal auch gerungen wird, bevor man sich wieder einig ist, dass genau dieses Ringen Teil der Fasnacht ist.
Am Tisch sitzen neben Bernhard Lussi auch Sämi Wolfender sowie Silas Meister und Colin Rüegg. Drei Schnupperlehrlinge, drei neue Blickwinkel auf ein Gefüge, das offen ist, aber nichts schenkt. Schnuppern bedeutet hier nicht Zuschauen, sondern Mitmachen. Ein Jahr lang. Mit allem, was dazugehört. Für die drei ist das Narrentum nichts Neues. Silas Meister und Samuel Wolfenders Väter sind feste Bestandteile der Gesellschaft. Die jungen Männer wuselten schon als Kinder vor der Bühne hin und her. Colin Rüeggs Bruder Kevin war ebenfalls einst Schnupperlehrling und mittlerweile Teil der Narren.
Neue bekannte Jungnarren
Vom Rand her zuschauen ist aberetwas anderes als aktiv mitzuwirken. Dass sie zu dritt schnuppern, verändert vieles. Es entsteht so etwas wie ein kleines internes Netz, ein leises Einverständnis, dass man Fragen stellen darf, dass Unsicherheit erlaubt ist und dass man sich gegenseitig auffängt. «So kann man sich austauschen, auch mal sagen, wenn man etwas nicht versteht», sagt Silas Meister. Colin Rüegg nickt. Man merke schnell, dass man nicht der Einzige sei, der neu ist, nicht der Einzige, der sich fragt, ob das Eingebrachte am Ende Bestand hat. «Man pusht sich gegenseitig», sagt er. «Und man traut sich mehr.» Sämi ergänzt lachend, dass es auch gut tue, gemeinsam über sich selbst zu lachen, wenn etwas nicht so zündet wie gedacht. «Man ist neu, aber nicht allein.»
Zwei Minuten Wahrheit
Der eigentliche Startschuss fiel wie jedes Jahr im August. Kick-off. Ein Wort, das harmlos klingt und doch jedes Mal eine kleine Explosion auslöst. Ideen entstehen, fliegen durch den Raum, werden aufgegriffen, weitergesponnen, wieder verworfen. Aus diesen Ideen entwickeln sich Geschichten, die später in den Teams vorgestellt werden. Und dann zeigt sich schnell, worauf es ankommt. Klarheit. «Man muss sehr schnell verstehen, worum es geht», sagt Bernhard Lussi. «Wenn das nicht klappt, wird es schwierig.» Zwei Minuten, manchmal weniger, um den Kern einer Idee zu treffen. Wer es schafft, ein Bild zu zeichnen, das trägt, hat bessere Chancen, dass die anderen sagen: Ja, das machen wir. Für die Schnupperlehrlinge ist dieser Prozess besonders spannend. Silas erlebt in den Schreibergruppen, wie unterschiedlich gearbeitet wird, wie manche sprudeln, während andere lange feilen, wie Texte wachsen, schrumpfen, sich neu erfinden. «Nicht jede Idee überlebt», sagtLussi. «Aber genau das macht es ehrlich.» Erklären sei tabu. Fasnacht müsse funktionieren, sofort. Geschrieben wird bis kurz vor Schluss. Und manchmal auch noch danach. Wenn niemand das ganze Bild kennt Inhaltlich spannt sich der diesjährige Bogen um die Bodensee-Arena, die zur Bühne für alles wird, was lokal, scharf beobachtet und überraschend ist. Der erste Teil bleibt bewusst nahe bei Kreuzlingen. Man lacht anders über die eigene Stadt, wenn man sich selbst darin erkennt. Das Publikum ist nah, aufmerksam, manchmal gnadenlos ehrlich.
Dass vieles dieses Jahr anders entsteht, hat auch mit einem schmerzhaften Einschnitt zu tun. Der Tod von Peter Schmidlin hat eine Lücke hinterlassen, die nicht einfach geschlossen werden kann. Über Jahre hinweg lag der kreative Teil, insbesondere Bühnenbau und Gestaltung, fast vollständig bei ihm. Heute verteilt sich diese Aufgabe auf mehrere Schultern. Ideen entstehen gemeinsam, Verantwortung wird geteilt, das grosse Ganze wächst aus vielen Einzelteilen. «Ich habe keine Ahnung, wie das Gesamtbild am Ende wirkt», sagt Bernhard Lussi und lächelt. «Aber ich bin gespannt.» Diese Offenheit prägt den Prozess. Auch für die Schnupperlehrlinge. Silas bringt als Architekturstudent seine Stärke ein, denkt in Räumen, zeichnet, modelliert. Colin kommt vom Bau, denkt in Konstruktionen, gestaltet den Saal und steht gleichzeitig für ein paar Sätze auf der Bühne. «Ich hätte nie gedacht, dass ich da oben stehe», sagt er. Sämi wiederum bewegt sich sicher im Rampenlicht, spielt, performt, beobachtet genau. «Man merkt schnell, dass hier jede Stärke zählt», so der Präsident. Überraschende Lacher Seit dem Kick-off arbeiten zwei Schreibergruppen parallel, mit unterschiedlichen Handschriften, unterschiedlichen Tempi, unterschiedlichen Humorfarben. Am Ende muss alles zusammenfinden. Und das tut es nicht immer dort, wo man es geplant hätte. «Manchmal lacht das Publikum an Stellen, die man gar nicht auf dem Radar hatte», sagt Beni aus Erfahrung. «Und manchmal bleibt es still, wo man sich sicher war.» Das Publikum ist bunt gemischt. Freitag ist nicht Samstag. Jung lacht anders als alt. Ein wenig unter die Gürtellinie darf es gehen, aber nicht zu lange. Fasnacht ist immer auch Balancearbeit. Und genau darin liegt ihre Kunst. Hinter und auf der Bühne läuft dieses Jahr mehr Technik als je zuvor. «Es nimmt uns wunder, was die Zuschauerinnen und Zuschauer alles wahrnehmen», so der Präsident. Bis dahin wird weiter gebaut, geschrieben, gezweifelt und gelacht. Und vielleicht ist genau das der Kern dieser Fasnacht. Dass niemand genau weiss, wie es am Ende aussieht. Aber alle Lust haben, es gemeinsam herauszufinden. Der Vorverkauf startet am 17. Januar. Neu in der Buchhandlung Bodan.
Von Desirée Müller