17.04.2025 00:00
Neuer Ort der Zuflucht
Die Notherberge Thurgau öffnet einen Standort in Kreuzlingen
Mitten im Zentrum von Kreuzlingen, an der Sonnenstrasse 1 beim Boulevard, zieht bald der erste Gast ein: Der Verein Notherberge Thurgau eröffnet die Tage seinen zweiten Standort – nach Weinfelden nun auch in Kreuzlingen.
Kreuzlingen Linda Roth strahlt. Die Hausleiterin der Notherberge Weinfelden, neu auch für Kreuzlingen zuständig, führt stolz durch die geräumige, helle 2-Zimmerwohnung an der Sonnenstrasse. Bis zu fünf Personen würden in dem Zuhause auf Zeit Platz finden. Der erste Gast zieht diese Tage ein. Nach vier Jahren im Einsatz für die Notherberge Weinfelden weiss Roth: «Es braucht viel Feingefühl und Menschenkenntnis, um diesen Ort zu führen.» Die Einarbeitung eines zusätzlichen Teammitglieds sei anspruchsvoll. Bis eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter das Team in Kreuzlingen ergänzt, stemmen Roth und die Mitarbeitenden von Weinfelden die Aufgaben. Länger mit der Eröffnung warten, möchte sie aber nicht. Der Bedarf ist zu gross, die Vorfreude ebenfalls.
Ruf kam aus Kreuzlingen
Das Haus gehört einer Besitzergemeinschaft rund um Christoph Röll. Zunächst steht eine Wohnung mit zwei Zimmern zur Verfügung, ab Sommer kommt die obere Wohnung mit vier weiteren Zimmern dazu. Das Haus liegt ideal: zentral, umgeben von Geschäften, ohne direkte Wohnnachbarn. Seine Schwester Monika Röll, vom Begegnungszentrum Trösch, brachte gemeinsam mit Damian Brot, evangelische Kirchgemeinde Kreuzlingen, den Ball ins Rollen. Damian Brot kennt die Problematik aus seiner Beratungstätigkeit im «Open Place» gut:
«Bei den Menschen, die sich in einer Notsituation an uns wenden, geht es oft um die Suche nach einer Unterkunft», erklärt er. «Das betrifft nicht nur Obdachlose, für die wir kurzfristig Lösungen finden können – etwa mit unserem Diakoniefonds. Häufig sind es auch junge Erwachsene, die wegen familiärer Konflikte nicht mehr zu Hause leben können. Für sie braucht es einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen, neu orientieren und eine Zukunftsperspektive entwickeln können – genau das bietet die Notherberge.»
Auch Monika Röll war von Anfang an überzeugt vom Projekt in Weinfelden. Dass nun dasselbe Konzept in Kreuzlingen umgesetzt wird, freut sie. Ihre Erfahrungen mit dem Angebot «Tischlein deck dich» zeigen: Es sind oft dieselben Menschen, die sowohl im Trösch als auch im Open Place Hilfe suchen. Dass der neue Standort jetzt Realität wird, verdankt sich auch dem verantwortungsvollen Haushalten in Weinfelden. Der Verein Notherberge Thurgau hat in den letzten zwei Jahren sehr sorgfältig gewirtschaftet – so konnten Rücklagen gebildet und die Löhne der Mitarbeitenden für zwei Jahre gesichert werden. Diese solide Grundlage ermöglicht nicht nur Kontinuität, sondern schafft auch Vertrauen bei möglichen Unterstützerinnen und Unterstützern.
Der zentrale Standort verlangt eine gute Öffentlichkeitsarbeit. «Ich erwarte keine Konflikte wegen der Menschen, die hier temporär leben werden», erklärt Linda Roth. Maximal 89 Tage dürfen die Gäste bleiben – mit klaren Hausregeln. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. In Weinfelden hat sich dieses Prinzip in den vergangenen vier Jahren bewährt – es hat sich herumgesprochen, dass hier mit Respekt und Eigenverantwortung gelebt werden muss.
Wohnsitz zwingend im Thurgau
In den Statuten verankert ist der Zusatz, dass die Gäste einen Wohnsitz im Thurgau haben müssen. «Zu Beginn hatten wir in Weinfelden nicht nur Hilfesuchende aus anderen Kantonen, sondern auch vom Ausland vor der Türe.» Das Angebot soll aber explizit für die Menschen aus der Region sein. Wer wieder auszieht, gehe laut Linda Roth meist wieder zurück in sein altes «Revier».
Nun hofft der Verein, auch in Kreuzlingen neue Mitglieder und Fördernde zu gewinnen, die das Projekt langfristig mittragen. Denn der Bedarf ist da – nicht nur in Kreuzlingen selbst, sondern im gesamten Kanton Thurgau. Die Notherberge versteht sich dabei nicht als Notlösung, sondern als echter Übergangsraum: ein Ort der Neuorientierung, der Struktur und des Vertrauens.
Vom Verein kirchliche Notherberge liege ein Antrag auf Mitfinanzierung des Pilotprojektes vor. «Der Stadtrat wird am 29. April einen Grundsatzentscheid fällen», erklärt der zuständige Departementsvorsteher Markus Brüllmann.
Von Desirée Müller