Hausleiterin Linda Roth: "Unser Ziel ist schnelle, unkomplizierte hilfe". Kurt Peter
03.07.2025 07:00
Rund um die Uhr erreichbar
Verein «Kirchliche Notherberge» setzt Unterkunft in Kreuzlingen um - Städtische Zurückhaltung stösst auf Kritik
Seit dem 1. April gibt es in Kreuzlingen eine Notherberge. Menschen, die kurzfristig ein Dach über dem Kopf brauchen, finden hier vorübergehend ein Zuhause. Die Stadt Kreuzlingen beteiligt sich nicht an den Kosten und ist nicht Vereinsmitglied. Das hat im Gemeinderat zu Fragen geführt.
Kreuzlingen Der Verein «Kirchliche Notherberge» betreibt seit vier Jahren in Weinfelden eine solche Stelle, seit 1. April an der Sonnenstrasse 1 auch in Kreuzlingen. Hausleiterin Linda Roth spricht von einem Konzept mit strengen Regeln. «Es gibt keine Mietverträge, nur Aufenthaltsvereinbarungen, die Betroffenen müssen in einer Thurgauer Gemeinde gemeldet sein und die maximale Aufenthaltsdauer beträgt 89 Nächte». 89 Nächte, weil danach der Lebensmittelpunkt eingefordert werden könnte.
Mit Würde und Respekt
Wohl sei der neue Standort in Kreuzlingen, doch «wir verstehen uns als Notherberge für den ganzen Kanton Thurgau», macht Linda Roth klar. Kontaktiert bei einer Unterbringung werde immer die Gemeinde, in der die betroffenen Personen gemeldet seien. Denn Mitgliedsgemeinden können Menschen, die mittellos seien, in eine Notherberge zuweisen. «Natürlich wird der Hintergrund der Hilfesuchenden abgeklärt», so Hausleiterin Linda Roth. Die Erfahrungen aus Weinfelden hätten das Konzept immer wieder anpassen lassen.
Das Anliegen des Vereins sei es, Menschen in schwierigen Lebenslagen mit Würde und Respekt unterzubringen. In einer Notherberge sei auch die Sozialisierung gegeben, die Zusammensetzung der Bewohnenden sei zufällig, unterschiedliche Vorstellungen kämen zusammen. «Wir können in ernsten Situationen rasch Sicherheit geben», fasst Linda Roth das Ziel zusammen. Und in schwierige Situationen könnten Menschen schnell und auch schuldlos kommen. «Familienkonflikte, Arbeitsplatzverlust, Wohnungskündigung, Krankheiten, die Liste der Gründe ist lang».
Grosse Akzeptanz
In Kreuzlingen können maximal zehn Schlafplätze auf zwei Stockwerken angeboten werden. Dazu kommt eine Küche, die auch als Gemeinschaftsraum dient im ersten Obergeschoss sowie ein Aufenthaltsraum im zweiten Obergeschoss. «Bisher hatten wir einen Bewohner für 26 Nächte. Aus personellen Gründen hatten wir im Juni keine Bewohnenden angenommen, derzeit läuft die Suche nach einer Betreuungsperson für Kreuzlingen», sagt Linda Roth. Der Verein habe sich die Erreichbarkeit rund um die Uhr auf die Fahne geschrieben, denn «nachts und über das Wochenende sind zuständige Stellen nicht erreichbar». Und gerade dann sei Hilfe dringend nötig.
Die Skepsis bei den Behörden sei auch in Weinfelden am Anfang gross gewesen. Inzwischen geniesse die Notherberge grosse Akzeptanz bei der Stadt und der Bevölkerung und profitiere auch von der Spendenbereitschaft. In Kreuzlingen ist die Haltung des Stadtrates gegenüber der Notherberge skeptisch. «Wir können in Kreuzlingen gemeldeten und in Not gekommenen Menschen immer ein Dach über dem Kopf bieten, das ist auch unser Auftrag», begründet Stadtrat Markus Brüllmann die Zurückhaltung.
Fragen warten auf Beantwortung
Die Notherberge wurde auch Thema im Gemeinderat. In einer schriftlichen Anfrage wollen die Fraktion von FDP, Mitte und SVP mehrere Punkte beantwortet haben. Denn die Parteien sind der Meinung, dass «mit der Notherberge eine dringend benötigte Anlaufstelle für Menschen in akuten Krisensituationen existiert, die bisher in Kreuzlingen gefehlt hat». Hilfesuchende erhielten nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Unterstützung zur Bewältigung ihrer Situation. «Trotzdem hat der Stadtrat am 29. April einen finanziellen Beitrag zum Betrieb der Notherberge abgelehnt», kritisieren die drei Gemeinderatsfraktionen. Insgesamt elf Fragen richten sie nun an den Stadtrat, unter anderem, ob dieser «den Bedarf an einer Notunterkunft sieht und wie die Stadt ihrer Verpflichtung zur Hilfe in Notlagen zum jetzigen Zeitpunkt nachkommt, nicht zuletzt ausserhalb der Präsenzzeiten der Sozialen Dienste». Zudem wollen die Fraktionen wissen, warum der Stadtrat den Antrag auf Mitfinanzierung abgelehnt hat und ob die Stadt Mitglied beim Verein ist.
«Da es den drei Fraktionen mit den Antworten im Hinblick auf das Budget 2026 eilt, sind diese bereits unterwegs, werden in der Exekutive behandelt und im Oktober im Gemeinderat diskutiert», erklärt Gemeinderat Markus Brüllmann. Detailliert könne er dazu keine weitere Stellungnahme abgeben. Er bestätigte aber, dass die Stadt zwar einen Antrag auf Vereinsmitgliedschaft gestellt habe, doch da eine betroffene Person nicht in die Notherberge Kreuzlingen gehen wollte, diese nicht abgeschlossen habe.
Von Kurt Peter