Temperamentvolle Super-Nanny Maria Martinez aus Bottighofen.
05.06.2025 12:51
Super-Nannys sind im Trend
Immer mehr Eltern suchen nach Alternativen zur Kinderbetreuung in der Kita. Nannys und Tagesfamilien können sich vor Anfragen nicht retten
Die Mary Poppins von heute erfreuen sich grosser Beliebtheit. Nannys sind nicht nur Kindheitserinnerungen aus dem TV, sondern eine beliebte Ergänzung zur modernen Kinderbetreuung. Auch das Modell Tagesfamilien boomt. Hier ist die Nachfrage aber viel grösser als das Angebot.
Region DieKinder müssen nicht geweckt werden, weil sie in die Kita müssen. Sie können sich Zeit nehmen beim Frühstücken und gemütlich in den Tag starten. Eine Vorstellung, die vielen Eltern zusagt. Wo die einen Kinder den bunten Kita-Alltag lieben, brauchen andere das gewohnte Umfeld und eine ruhigere Atmosphäre um sich zu entfalten. Immer mehr Frauen entscheiden sich nach der Ausbildung zur Fachperson für Betreuung für die Selbstständigkeit als Nanny. So auch Katja Schneider aus Hörhausen, welche in der Region Frauenfeld aktiv ist. Die gelernte Kleinkinderzieherin ist heute 59-Jahre alt.Nach der Elternzeit arbeitete sie in verschiedenenKitas.Vor sechs Jahrenbot sie ihre Dienste erstmals als Nanny anund sieht ihren Job als den schönsten der Welt. Mit diesen in den Kindertagesstätten nicht zu vergleichen. «Wenn dasWetter schönist,gehenwirraus», sagt sie. «Aber nicht, weil es im Plan steht – sondern weil die Kinder Lust darauf haben.» Ein Picknick im Freien steht an, ohne Hektik, ohne Uhrzeitendruck. Für Katja Schneider ist das einer der Vorteile an der Arbeit alsNanny: «Ich kann michnach dem Rhythmus der Kinderrichten – nicht umgekehrt.»
Dubiose Anbieterinnen
Auch für Eltern ist die Flexibilität oftmals ein Must-Kriterium bei der Wahl der Kinderbetreuung. Schichtarbeit, Sitzungen bei der Arbeit oder auch der Ausfall eines Elternteils durch Krankheit oder Unfall sind nicht mit den Öffnungszeiten einer Kita vereinbar. Kerstin Macho vom Verein Familiäre Kinderbetreuung Bezirk Kreuzlingen kennt diese Bedürfnisse. Ihr Verein vermittelt Nannys und Tagesfamilien – geprüft, offiziell angestellt und sozialversichert.DabeisetztderVereinaufQualität: Alle Nannys verfügen über einen Grundkurs, einen Nothelferkurs für Kleinkinder, besuchen jährliche eine Fortbildung und werden behördlich überprüft. «Wir arbeiten mit einem Vier-Augen-Prinzip. Erst wenn wir überzeugt sind, stellen wir den Kontakt zur Familie her und begleiten auch später den gesamten Prozess.» Die Nannys erhalten von der Stelle ein gesichertes Einkommen zwischen 22 und 26 Franken pro Stunde, je nach Qualifikation und Erfahrung. Allenfals mit ZuschlägenzumBeispielfürdieBetreuung von Säuglingen. Nicht gerade viel, doch der Verein übernimmt die komplette Administration. Ein Serviceangebot das viele Nannys und FamilieninAnspruchnehmen. Zahlreiche Online-Plattformen versprechen hingegen eine schnelle Vermittlung von «günstigen Nannys». Doch Kerstin Macho sieht diese Entwicklung kritisch: «Man weiss oft nicht, ob die Nannys versichert sind, wie die Abrechnung erfolgt und wie zuverlässig sie sind.» Immer wieder gebe es dubiose Anbieter. Der Vorteil ihres Modells: Transparenz und Sicherheit – sowohl für Familien als auch für die Nannys.
Der Begriff Nanny weckt Bilder von viktorianischen Kindermädchen oder Serien wie «Die Nanny». Doch für Maria Martinez bedeutet das Wort mehr als Nostalgie: Es ist eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit in der Dominikanischen Republik. «Ich hatte eine Nanny, Josefina. Ich erinnere mich noch heute an ihre Wärme, ihre Geduld», erzählt Maria Martinez, während sie mit zwei Kindern auf dem Spielplatz in Bottighofen tobt. Lachen, Rennen, Klettern – heute geht es ums Austoben. «Die Mama hat gesagt, sie sollen schön müde sein am Abend», sagt Maria und lacht. Heute lebt die 35- Jährige in Bottighofen und bietet gemeinsam mit ihrer Freundin Jasmin Nanny-Dienste an. Fällt eine aus, springtdie andere ein– eine eingespielte Lösung, die Eltern Sicherheit gibt. Ursprünglich arbeitete Maria in der Gastronomie – stressige Zeiten, die sie zwei Burnouts kosteten. «Immer freundlich sein, immer funktionieren – das hat mich kaputtgemacht», erzählt sie offen. Über ihre Freundin Jasmin, die schon als Nanny arbeitete, lernte sie die Kinderbetreuung kennen - und lieben. «Ich habe sie mehrmals bei der Arbeit begleitet und gemerkt: Das fühlt sich richtig für mich an.» Entspannt nach Hause kommen Nach einer Auszeit im Winter entschied sich Maria, endgültig umzuschwenken und kehrte der Gastronomie den Rücken. Und hat es noch keineSekundebereut.NebenderBetreuung der Kinder in zwei Familien übernimmt Maria auch das Kochen und den Haushalt. Ihr Stundensatz liegt entsprechend höher, doch Eltern anerkennen den Service: Super-Nannys haben ihren Preis. So denkt auch Mama Antonia. Die Hautärztin aus Bottighofen hat sich mit ihrem Mann für einen Betreuungs-Mix entschieden: Ihre Tochter besucht die erste Klasse, ihr Sohn noch bis zum Sommer die Kita, dann geht’s ab in den Kindergarten. An zwei Tagen in der Woche kümmert sich Nanny Maria ab Mittag um die beiden. «Maria holt unseren Sohn um elf Uhr von der Kita ab, betreut ihn zusammen mit seiner Schwester und organisiert den Nachmittag», erzählt Antonia. Was sie an diesem Modell besonders schätzt: «Wenn ich nach einem langen Arbeitstag heimkomme, ist die Wohnung aufgeräumt, es duftet nach Essen – und die Kinder sind ausgelassen und nicht gestresst von einem ganzen Tag in der Kita. «So kann ich mich ganz auf die beiden einlassen, ohne tausend Sachen im Kopf zu haben, was zu Hause noch alles zu erledigen ist.» Für Antonia ist die Entlastung deutlich spürbar: «Die Mischung aus Kita, Schule und Nanny funktioniert für uns perfekt. Unsere Kinder geniessen es, zuhause zur Ruhe zu kommen.»
Gesellschaftlicher Wandel
«Früher lebten Grosseltern oft mit im Haus und halfen selbstverständlichbeiderBetreuung», erinnert sich Diana Bühler, Präsidentin des Vereins Tagesfamilien Frauenfeld und Umgebung. «Heute sind sie meist selbst bis ins hohe Alter berufstätig oder möchten nicht mehr automatisch einspringen.» Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert: Beide Elternteile arbeiten häufig – aus finanziellen Gründen oder weil sie viel in ihren Beruf investiert haben und Familie und Beruf verbinden möchten. Dies sei nicht verwerflich. Frauen investieren gleich viel Zeit und Engagement in ihre berufliche Ausbildung und es sei legitim, dass sich vor allemjungeMütternichtganzaufsMamisein konzentrieren möchten. Die Betreuung der Kinder in Tagesfamilien liegt hoch im Trend und sei besonders geeignet für Eltern mit Schichtdiensten, unregelmässigen Arbeitszeiten und Kindern mit besonderenBedürfnissen.Es gebe aber nicht die eine Lösung für die perfekte Kinderbetreuung. «Die Vielfalt an Angeboten macht es aus. Es muss für Eltern und Kinder stimmig sein.»