Zwangsspektrum - ein wilder Haufen.
07.11.2024 06:53
Unter "Zwang" Arbeiten
Künstlerkollektiv in der Weinfelder Kunstkabine
Nachdem das junge Künstlerkollektiv das «Apollo» in Kreuzlingen und eine Bar in Konstanz auf den Kopf gestellt und die Gärtnerei des Ekkharthofs in ein Spaceshuttle verwandelt haben, sorgen sie nun in der Kunstkabine in Weinfelden für Aufsehen.
Weinfelden Ihre Themen wie «Tabu» oder «Exzess» sind laut, gerne auch provokativ. Lassen Platz für Interpretationen doch mit klarer Message. Aktuell stellt Manolo Schwarz (Alles Künstlernamen) seinen Bilderband «Zu zweit allein» in der Kunstkabine vor. Am Samstag löst ihn Künstler Nr. 3 & Manuel Oliver mit einem Konzert ab. Noch bis Ende November gibt es die bunte, extraordinäre Mischung an Kunst wöchentlich neu zu erleben unter dem Namen «Volle Kabine».
Abgeschottet und gemeinsam arbeiten
Im April starteten die fünf Jungs mit ihrer ersten Ausstellung. Eine Kombination aus Bildender Kunst, Musik, Installationen und Performances. Vor Enge schrecken die Jungs nicht zurück. Denn ihr Kollektiv heisst nicht ohne Grund «Zwangsspektrum»: «Bevor wir mit der Arbeit für eine Ausstellung beginnen, schliessen wir uns ein paar Tage in einen Raum ein. Ohne Ablenkung», erzählt Künstler Nr. 3. Auf die Nerven ginge man sich gewiss irgendwann, doch das gehöre zum Prozess dazu. Die Männer kennen sich aus dem Zivildienst, von Hobbys oder durch Freunde. Ein wild zusammengewürfelter Haufen, welche im «normalen» Leben wenig Gemeinsamkeiten haben. Auch beruflich: Vom Schreiner, Heizungsinstallateur, Grafiker, Elektriker und Hochbauzeichner.
Jede Ausstellung ein Unikum
Bisher waren all ihre Ausstellungen und Auftritte auf den Austragungsort angepasst. Somit gibt es sie kein zweites Mal zu sehen. «Das Thema muss zur Location passen. In einer Bar hat man andere Gefühle als in einem alten Kino», sagt Manolo Schwarz. Und eben diese Gefühle wollen sie in ihre Arbeiten einbringen. Das das Thema und die Werke zum Schauort passen, das ist den Fünf wichtig. «Museen und Galerien haben absolut ihre Daseinsberechtigung, haben aber einen neuen Schliff oder eben mehr Individualität verdient», sind sich die Künstler einig. Das erste Jahr ist turbulent und gut gefüllt gestartet. Sie sagen man könne sich auf die nächsten Projekte freuen und gespannt bleiben. Mehr verraten sie aber noch nicht.
Fäkalhumor am Bahnhof
Anders als das Kollektiv? «Banksy» machen sie keinen Mythos aus ihrer Kunst – obwohl dies ein spannender Gedanke sei. Fragezeichen zu ihrer Arbeit solle es immer geben. Eines setzten sie hinter ihre Promo am Kreuzlinger Bahnhof. Ein bräunlicher Wasserlauf sickert eine Betonwand in der Unterführung runter. Bautechnisch kein Problem laut SBB, visuell nicht gerade schön. Die Jungs zimmerten einen Rahmen um den Fleck und formten aus Bauschaum einen Po, welcher in ihrer Installation der Ursacher dessen ist. Mit einem passenden Song untermalt Künstler Nr. 3 die Aussage; Den Leuten ein lächeln ins Gesicht zaubern egal wie verschissen der Montag Morgen beginnt. Die Aktion sei keineswegs mit der SBB abgesprochen gewesen und das Werk wurde entfernt – ging aber trotz des kurzen Gastauftritts viral, wie auch andere ihrer frechen Streetart Promos.
Eher versöhnlich zeigen sie ihre Kunst aktuell in der Kunstkabine. Elsbeth Harling gesellt sich zum Kollektiv und begutachtet die aktuelle Installation. Sie ist die Gründerin der «Mikro-Galerie» am Marktplatz. Die Arbeit der Jungs sei gewöhnungsbedürftig, aber spannend. «Das ist nun mal die neue Generation an Künstlern», so Harling. Was die Ausstellenden genau planen, weiss sie nicht. Vertraut ihnen aber, dass es nicht ganz so wild zu uns her gegen wird wie am Bahnhof.
Von Desirée Müller