08.05.2026 00:00
Verbale Angriffe auf den Schulpräsidenten
Nach Lehrerexodus an der Sek: Das Drama in Ermatingen geht weiter
Es ist kein einfacher Abend für Sekundarschulpräsident Antonio Basile. Ende April haben mehr als die Hälfte der Lehrpersonen ihre Kündigung eingereicht. Dieser Exodus sorgt für grosse Unruhe in der Gemeinde, wie der Grossaufmarsch zur Schulgemeindeversammlung zeigt. 161 Stimmberechtigte, dazu zahlreiche Gäste, erscheinen in der Mehrzweckhalle.
Ermatingen Bereits beim Traktandum «Jahresberichte 2025» bahnt sich Aufruhr an. Es sei ein «Schönwetterbericht», äussert sich eine Frau. Bei der Rechnung, die mit einem Plus von 356’000 Franken schliesst, geht es weiter: Peter Dransfeld, seit langem Kritiker des Schulpräsidenten, stellt Fragen zu Honoraren für Rechts- und Kommunikationsberatung und zu den höheren Kosten für die Schulleitung. «War der Schulleiter das wert?», fragt er polemisch. Der Finanzverantwortliche der Behörde, Gerald Riester, lässt sich nicht beirren. Man habe sich wegen der schon länger schwelenden Konflikte zwischen Lehrpersonen und Schulführung externe Unterstützung geholt und die Erhöhung des Schulleiterpensums sei zeitlich befristet. «Wir holen uns die Hilfe, die wir brauchen», hält Riester fest.
Keine aufsichtsrechtliche Überprüfung
Dann kommt Schulpräsident Basile auf die «anspruchsvollen, aber notwendigen Veränderungsprozesse» an der Schule zu sprechen. Der Kanton habe verlangt, die Klassengrössen gesetzeskonform zu gestalten. Ab dem kommenden Schuljahr gebe es noch sechs Klassen. Auch das Audit des Kantons habe Handlungsbedarf aufgezeigt. «Die Behörde hat deshalb die nötigen Schritte eingeleitet.» Die nach der Kündigung zahlreicher Lehrpersonen von der Schule angeregte aufsichtsrechtliche Überprüfung wird nicht stattfinden. «Das Departement für Erziehung und Kultur sieht derzeit keinen Grund dafür.» Es bestünden keine Hinweise darauf, dass die Grundrechte der Schülerinnen und Schüler beeinträchtigt wären, die Schulbehörde ihre Handlungsfähigkeit verloren hätte oder der ordnungsgemässe Unterricht nicht sichergestellt wäre, berichtet Basile von der Antwort des Kantons.
Applaus für die Weggehenden
Der Sekundarschulpräsident liest anschliessend die Namen von 13 Lehrpersonen und Mitarbeitenden vor, welche die Schule per Ende Schuljahr verlassen werden oder bereits verlassen haben. Ihnen gelte es für ihr teils jahrzehntelanges Engagement Respekt zu zollen und öffentlich Danke zu sagen. Basile bittet um grossen Applaus für die Weggehenden. «Es war nicht alles, wie es sollte. Aber sie haben es verdient.» Der Saal folgt der Aufforderung, einige Anwesende erheben sich gar von ihren Stühlen.
Die personelle Planung fürs Schuljahr 2026/27 sei bereits weit fortgeschritten, sagt Basile danach. Er berichtet von bereits erfolgten Neuanstellungen. Eine Herausforderung sei die Suche nach einem neuen Schulleiter, sagt er. Denn Roland Brändli, im vergangenen Sommer interimistisch angestellt, gehört ebenfalls zu jenen, die die Sek Ermatingen verlassen werden. Behördenmitglied Nicole Iff erklärt den Anwesenden das künftige Unterrichtsmodell mit niveaudurchmischten Stammklassen, welches an der Sek Ermatingen ab kommendem Schuljahr eingeführt wird und mitunter im Fokus der grossen Diskussionen steht.
«Erschütterung des Fundaments der Schule»
Nach der Verabschiedung von Schulbehördenmitglied Stephanie Schümperli folgt die Fragerunde. Wie zu erwarten, erntet Basile Kritik. Peter Dransfeld sagt: «Wir verlieren 9 oder 10 Lehrpersonen, die mit Herzblut dabei waren. Das ist keine Panne, sondern die Erschütterung des Fundaments unserer Schule.» Es sei eine schlechte Idee, alles auf den Kopf zu stellen und er erwarte, dass die Behörde wieder den Mensch in den Mittelpunkt stelle. Eine Frau glaubt nicht, dass die typengemischten Stammklassen das Problem seien und fragt: «Was ist hier los?» Sie verlangt von Basile, dass er die Lehrpersonen von ihrer Schweigepflicht befreie, damit diese frei erzählen könnten, was vorgefallen sei. Doch der Schulpräsident meint, er sehe keinen Grund dafür und das sei schon gar nicht Thema für eine Gemeindeversammlung. Weitere Votanten sprachen von einem «Reputationsschaden», von «Feuer im Dach», von «Unwahrheiten» oder einem «Scherbenhaufen».
Behörde stellt sich hinter Schulpräsident
Antonio Basile muss sich gar die Frage anhören, ob er froh sei, dass die Lehrer gekündigt haben. «Was muss noch passieren, dass Sie Konsequenzen ziehen?», will dieselbe Frau wissen. Ein Mann fragt, ob er sich als «König» fühle. Basile verteidigt sich zurückhaltend. Gerald Riester und Nicole Iff sehen sich veranlasst, dem Angegriffenen zur Seite zu springen. «Ein Streit lässt sich nicht verleugnen. Manchmal können halt nicht alle mit allen. Aber wir waschen hier sicher nicht öffentlich dreckige Wäsche», sagt Riester. Die Situation sei eskaliert, aber nicht böswillig. Und man solle nicht immer auf Basile eindreschen. Nicole Iff betont, es sei immer die Gesamtbehörde, die Entscheide fälle. Basile sei nicht alleine. «Wir nicken nicht einfach alles ab. Und wir haben einen freien Sitz in der Behörde, jeder ist herzlich eingeladen.»
Behörden-Konflikt ist kein Thema
Die anschliessende Versammlung der Primarschulgemeinde verläuft ruhiger. Präsident Giovanni Martinelli informiert, dass die Kündigung der Wohnung der Hauswartfamilie zurückgenommen worden sei. Stattdessen sei die Kaffeestube in der Mehrzweckhalle für den Mittagstisch ausgebaut worden.
Markus Schreiber vom Ressort Finanzen hat ein Defizit von 1,3 Millionen Franken in der Rechnung zu erklären. Er erklärt auch, dass ein Schulraumerweiterungsprojekt abgebrochen worden sei. Vorderhand könne ein Gruppenraum im Schulhaus zum Klassenzimmer umfunktioniert werden. Eine langfristige Lösung für die Platznot werde man in Angriff nehmen, wenn die Behörde wieder komplett sei.
Das Gremium besteht nach den drei Rücktritten im Januar derzeit nur aus drei Personen, darunter die vom Amt für Volksschule eingesetzte Anita Haag. Ausser, dass sich Anna Schmidt, Stefan Winiger und Georg Felber am 14. Juni zur Wahl stellen, war die Akut-Situation der Primarschulbehörde an dem Abend kein Thema.
Urs Brüschweiler