03.07.2025 08:00
Wales verzaubert Weinfelden
Mit dem Einzug des Walisischen Frauenfussball Nationalteams ist Weinfelden im EURO-Fieber
Die Gütti hat sich verwandelt: rote Banner mit Drachen, UEFA-Flaggen im Wind, ein riesiges Medienzelt, Kamerateams von BBC und Sky Sports, und mittendrin ein Hauch von Gänsehaut. Denn hier bereitet sich das walisische FrauenNationalteam auf ihr erstes EMSpiel am Samstag vor. Am Montag war das erste öffentliche Training. Die jüngsten Fans sorgten für die grösste Show
Weinfelden Noch bevor überhaupt ein Ball rollte, vibrierte die Luft. Rund 100 Schülerinnen und Schüler des Martin-Haffter-Schulhauses standen dicht gedrängt hinter der Absperrung. Karten, Mützen, Shirts und sogar Arme wurden über die Bande gereckt – in der Hoffnung auf ein Autogramm. Als die Spielerinnen endlich eintrafen, brach Jubel aus wie bei einem Popkonzert. «IchmussMami sagen,dass sie meine Leuchtweste nie wieder waschen darf», rief Mia-Lynn ganz aufgeregt. Es war wie ein kleines Fussball-Fieber, das plötzlich ausgebrochen ist. Die Lehrpersonen hatten Mühe, ihre Schützlinge in Zaum zu halten. Immer wieder der Versuch, die Kinder ordentlich an die Bande zu stellen aber der Wunsch, den Fussballstars ganz nah zu sein, war stärker. Einige hatten extra englische Sätze geübt – «Can I have your autograph?» wurde mutig herausgerufen. Und tatsächlich: Die walisischen Spielerinnen schrieben unermüdlich–aufalles,wassichbeschriften liess. «Ich habe noch nie Frauenfussball geschaut, aber jetzt will ich das unbedingt», sagte Leo, dem man auf den ersten Blick ansah, dass der frisch signierte Arm nicht so schnell gewaschen wird. Auch Vivien war begeistert: «Ich spiele oft mit meinem Papi und meinem Bruder im Garten. Jetzt habe ich noch mehr Lust!» Tränen der Rührung Die Spielerinnen selbst waren mindestens so bewegt wie die Kinder. Hanna Cain, Offensivspielerin des Teams, erzählte im Interview: «Wir hatten Tränen in den Augen. So etwashabenwirnochnieerlebt.In Wales erkennen uns nicht viele auf der Strasse, aber hier wurden wir empfangen wie Stars.» Sie hofft, dass die WEURO 2025 einen bleibenden Effekt hat: «Wir wollen, dass mehr Mädchen anfangen zu spielen. Das ist eines unserer grossen Ziele.» Dann begann das Training. Professionell, fokussiert, aber immer wieder begleitet von Applaus aus dem Publikum. Die Kinder verfolgten jede Bewegung, viele machten sogar die Aufwärmübungen auf der Wiese nach. Fussballbegeisterung pur.
Öffentlichkeitsscheue Waliserinnen
Beni Aggeler, Sportchef der Stadt Weinfelden und zuständig für den Trainingsstandort Güttingersreuti, spricht von intensiven Wochen der Vorbereitung: «Es war viel Arbeit, aber die Waliser sind unglaublich dankbar.»Manspürt,wie sehr erund sein Team sich reingekniet haben. «Unsere Gäste aus Wales sind sehr vorsichtig, was Medien und Öffentlichkeit angeht, sie haben da noch wenig Erfahrung. Deshalb war dieses öffentliche Training auch nur mit Einladung möglich.» Eine der gefragtesten Spielerinnen des Tages war Gemma Evans, StarVerteidigerin des walisischen Teams. Im Gespräch mit uns zeigt sie sich begeistert: «Gegen so starke Teams zu spielen ist eine Once-ina-Lifetime-Chance!» So treten sie in der Vorrunde gegen Frankreich, EnglandunddieNiederlandean.Gegen letzere diesen Samstag in Luzern. Frankreich und England sind in der Favoritenrolle, das Turnier zu gewinnen. Als Underdogs gehe Wales ohne grossen Erwartungsdruck ins Turnier: «Aber bei uns zu Hause ist alles im Ausnahmezustand. Alle freuen sich riesig, dass wir es zur EM geschafft haben», sagt Gemma Evans.
Die Kinder als beste Fans - Besuch bleibt in Erinnerung
Auch die Lehrpersonen waren gerührt. Stephan Jenny vom MartinHaffter-Schulhaus erzählt: «Wir haben den Kindern erst kurz zuvor gesagt, dass wir zum Training dürfen. Sie waren völlig aus dem Häuschen. Und heute haben sie gezeigt, was für tolle Fans sie sind.» Die Begeisterung war spürbar – bei Gross und Klein. Wenn an diesem Tag eines klar wurde, dann dies: Das walisische NationalteamhatWeinfeldenimSturmerobert – nicht mit Toren, sondern mit Nähe, Emotionen und echter Inspiration. Und wer weiss? Vielleicht wird eine Mia-Lynn oder ein Leo in ein paar Jahren selbst auf dem Feld stehen und sich an den Tag erinnern, als die Spielerinnen aus Wales ihre Arme, Westen und sogar Training trotz 30 Grad. Die Spielerinnen lassen sich nichts anmerken. Schuhe unterschrieben haben.
Von Desirée Müller