Referendum-Komitees, im Glück. Lukas Madörin (l) Stefan Wolfer, Manuel Strupler und Markus Schär.
18.05.2025 20:33
Weinfelden lehnt neues Friedhofsreglement ab
Knapper Entscheid an der Urne
Das Ergebnis war denkbar knapp, der Weg dorthin lang und engagiert: Mit 51 Prozent hat das Weinfelder Stimmvolk das revidierte Friedhofsreglement abgelehnt. Damit kommt auch das geplante muslimische Grabfeld nicht zustande. Für viele, die sich intensiv mit der Vorlage beschäftigt hatten, ist das Nein ein herber Rückschlag – und für die Stadt eine vertane Chance.
Weinfelden Stadtpräsident Simon Wolfer nahm das Resultat mit Bedauern zur Kenntnis. „Nach über 20 Jahren war es höchste Zeit, das Friedhofsreglement zu überarbeiten“, betonte er. Die Stadt habe eine ausgewogene, auf Weinfelden zugeschnittene Lösung gesucht. „Viele Menschen haben sich sehr differenziert mit dem Thema auseinandergesetzt – das verdient Anerkennung, unabhängig vom Ausgang.“ Auch wenn das Ergebnis enttäusche, werde der Stadtrat die Arbeit fortsetzen. „In den kommenden Wochen wird die Vorlage erneut beraten“, so Wolfer.
„Im Tod sind wir alle gleich – aber auf dem Friedhof eben doch nicht“
Stadträtin Ursi Senn zeigte sich bewegt: „Es ging nicht nur um ein paar Paragrafen – sondern um die Frage, wie wir in Weinfelden mit Vielfalt umgehen. Der Entscheid hat uns nicht geeint – er hat uns gespalten.“ Sie versteht, dass es bei Teilen der Bevölkerung Unsicherheit gab: „Das Unbekannte macht Angst. Aber der Fokus sollte nicht auf dem Trennenden liegen, sondern auf dem, was verbindet.“ Senn betonte, es gehe nicht darum, Religionen zu privilegieren, sondern individuelle Bestattungswünsche zu ermöglichen. „Das Nein bringt unsere Stadt nicht weiter.“
Ein Nein, das Spuren hinterlässt
Auch im Pro-Komitee war die Enttäuschung greifbar. Alexandra Beck rang nach Worten: „Weinfelden war noch nicht bereit. Der Wert des Kompromisses hat weniger gezählt als das politische Signal.“ Angela Testa Beer verwies auf die vielen positiven Gespräche im Vorfeld der Abstimmung: „Links wie rechts gab es Zustimmung. Viele haben sich engagiert, viele haben zum ersten Mal über das Thema Tod, Abschied und Bestattung nachgedacht. Das allein war wertvoll.“
Für Simon Engeli ist klar: Die knappe Entscheidung verpflichtet. „Das Gegenkomitee hat angekündigt, eine andere Lösung zu suchen – wir sind gespannt. Die Bedürfnisse der muslimischen Gemeinschaft sind bekannt. Der Stadtrat ist jetzt gefordert, zeitnah zu handeln.“
Das Referendums-Komitee: „Es ging ums Prinzip“
Für das Referendums-Komitee war von Anfang an klar: Es ging ihnen weniger um Details im Reglement – sondern um grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens. Historiker Markus Schär erinnerte daran, dass bereits 2006 über muslimische Grabfelder diskutiert wurde – „aber die Debatte wurde nie wirklich geführt“.
Manuel Strupler, Nationalrat und führende Figur im Referendum, sprach von einem Erfolg der Grundsatzdiskussion: „Was bedeutet Integration, wenn sie auf einem Friedhof beginnt? Was bedeutet Gleichheit, wenn unterschiedliche Regeln gelten sollen?“
Lukas Madörin wurde nach der Abstimmung gefragt, ob sich sein Engagement für ihn persönlich gelohnt habe – immerhin hatte er durch seine Rolle im Referendums-Komitee bei manchen Kundinnen und Kunden seines Geschäfts an Beliebtheit eingebüsst, teils auch finanzielle Einbussen erlitten. Doch Madörin wich der Frage aus, antwortete nur pauschal. Er wirkte matt, fast erschöpft. Und doch: „Der Dialog hat sich gelohnt“, sagte er leise. „In Weinfelden sagt man sich Grüezi auf der Strasse. Das ist auch in diesen Wochen so geblieben.“
Und jetzt?
Die Vorlage geht nun zurück an den Stadtrat. Klar ist: Der Bedarf bleibt, ebenso die Wunde, die das Nein hinterlassen hat. Die Stadt muss neu ansetzen – mit Fingerspitzengefühl, aber auch mit Entschlossenheit. Die Diskussion über das Friedhofsreglement hat eines gezeigt: gelebte Demokratie ist nicht bequem. Aber sie ist notwendig.
Von Desirée Müller