Remo Biedermann, Susanne Rutishauser und Nicole von Roijen.
19.06.2025 08:00
Wie Städte die Inklusion verschlafen
Inklusion in den Stadtverwaltungen findet leise statt – aber ohne Konzept bleibt sie oft Zufall statt System
Menschen mit Beeinträchtigung gehören zur Gesellschaft, doch wie sichtbar sind sie in der öffentlichen Hand? Eine Anfrage im Weinfelder Stadtparlament bringt Bewegung in ein Thema, das lange nebenherlief. Was Inklusion im Alltag wirklich bedeutet, zeigen Remo Bedermann und Susanne Rutishauser.
Region Es begann mit einer klaren Stimme im Stadtparlament. Nicole van Rooijen, Mitte-Politikerin in Weinfelden,wolltewissen,wie esum die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung in der öffentlichen Hand steht. Ihre Anfrage, eingebracht im Dezember 2024, war sachlich, aber deutlich. Inklusion soll nicht bloss ein Ideal sein, sondern gelebte Realität. Dort, wo Entscheidungen getroffen und Weichen gestellt werden. «Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ist eine zentrale gesellschaftspolitischeAufgabe», sagt vanRooijen. «Als öffentlicheArbeitgeberinkommtder Stadt dabei eine besondere Verantwortung zu.» Die Antwort der Stadt fiel offen aus. Es gebe keine strategischen Ziele, keine konzeptionellen Grundlagen, keine systematischen Programme zur Inklusion im Personalwesen. Man handle pragmatisch und von Fall zu Fall. Diese Ehrlichkeit ist bemerkenswert doch sie zeigt auch, wie viel ungenutztes Potenzial noch brachliegt.
Vom Klient zur Betreuerin
Dass Weinfelden mit dieser Haltung nicht alleine steht, bestätigt ein Blick in andere Gemeinden. In Kreuzlingen und Stein am Rhein gibt es aufAnfrage kein Konzept. In Frauenfeld fehlt bis heute ein verbindliches Inklusionskonzept für den öffentlichen Dienst. Engagement gibt es, aber oft nur im gesellschaftlichen Rahmen. Steckborn sieht sich laut Stadtpräsident Moritz Eggenberger als « guter und vorbildlicher Arbeitgeber und Arbeitsort mit sozialer Verantwortung». Die Strukturen innerhalb der Verwaltungen bleiben aber weitgehend unangetastet. Dabei zeigen Menschen wie Remo Biedermann und Susanne Ruthishauser, wie gelebte Inklusion aussehen kann, ganz ohne grosse Bühne, aber mit umso mehr Wirkung. Beide leben in Weinfeldenund arbeiteninderStiftungHofacker.Remo lebt mit einer Lernschwäche. «Mein Lehrer liess mich in der ersten Klasse lieber spielen, anstatt mich im Unterricht zu integrieren. Später kam ich in ein Heim wo mein Bruder und ich zwar beschult wurden aber nur am Wochenende nach Hause durften.» Die Erfahrung hat den Schreiner mit einer Anlehre mit Blick zurück aber nicht geschwächt, sondern gestärkt. Susanne bekam bei der Geburt zu wenig Sauerstoff.Dreimal seidieNabelschnur um ihren Hals gewickelt gewesen, erzählt sie. «Früher wäre ich nie so offen damit umgegangen», sagt die Strahlefrau. Heute sprüht sie nur so vor Selbstbewusstsein und freut sich, ihre Geschichte mitanderenteilenzukönnen.Siebevorzugt die einfache Sprache, wie sie selbst sagt und hat Mühe, wenn Gespräche zu komplex werden. Doch sie hat gelernt zu fragen. Wo sie früher unter dem Radar blieb bei ihrer Arbeit als Hilfskraft in einer Küche, so aktiv ist sie heute und kämpft um die Rechte der Menschen mit Beeinträchtigung. So auch Remo. Was sie heute tun, ist bemerkenswert: Beide sind Peer-Mitarbeitende. Sie unterstützen Menschen mit Beeinträchtigung, begleiten sie durch den Alltag im Hofacker und das mit viel Herz, Erfahrung und Geduld. «Ich war früher die, die betreut wurde», sagt Susanne. «Jetzt bin ich die, die andere unterstützt. Ein unglaublich schönesGefühl.»AuchRemohat seinen Weg gemacht. «Ich habe lange gedacht: Ich bin einfach dabei. Aber heute weiss ich: Ich kann auch etwas bewegen», sagt er. Ruhig, bestimmt.
Beide engagieren sich in Komitees und Arbeitsgruppen, bringen Ideen ein, reden mit. Sie sind unterwegs, nicht nur in Weinfelden, sondern auch im Kanton. «Wir waren sogar im Bundeshaus», erzählt Susanne Rutishauer. «Dort haben wir gesagt, was uns wichtig ist. Damit sich etwas ändert.» Was sie bewegt, geht weit über die Arbeitswelt hinaus. Es geht um Vereine, Freizeit, Mitbestimmung. Um ganz normale Teilhabe. «Ich will einfach mitmachen können», sagt Susanne. «Wie andere auch.» Remo nickt. «Wir wollen nicht extra behandelt werden. Wir wollen dazugehören.» Dass das Thema weitreichender ist als oft gedacht, betont auch Nicole van Rooijen: «Eine Beeinträchtigung ist nichts, was nur die anderen betrifft. BeiRemoundSusanneist sievonGeburt an da. Aber es kann jeden treffen. Ein Unfall, eine Krankheit und plötzlich sitzt man selbst im Rollstuhl oder ist in irgendeiner Form eingeschränkt. Wir müssen weiterdenken. Viel weiter.» Was sie Susanne und Remo wünschen, ist keine Sonderbehandlung. Sie wünschen sich Zutrauen. Dass man Menschen mit Behinderung nicht auf Defizite reduziert, sondern fragt: Was kannst du? Was brauchst du? Gleichzeitig betonen beide: Es braucht keine Vorschrift, keine Quote, kein Muss für Stadtverwaltungen. «Es soll nicht verpflichtend sein», sagt Remo. «Aber es soll selbstverständlich werden, dass Menschen wie wir Zugang zu Jobs im öffentlichen Raum erhalten.» «Schon kleine, gezielte Massnahmen können wirkungsvolle Schritte sein. Sei es durch bewusst inklusiv gestaltete Stellenausschreibungen oder die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle», sagt Nicole van Rooijen. «Der öffentliche Dienst kann gezielt Verantwortung übernehmen.»
Es bewegt sich etwas
Diese Weite bringt auch Nicole Zeitner ins Gespräch. Sie ist Geschäftsführerin von INSOS Thurgau, dem Verband der Dienstleister für Menschen mit Behinderung. 40 Mitgliedsorganisationen zählt der Verband, mit rund 3500 Plätzen im Bereich Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Zeitner ist zudem Kantonsrätin– eineDoppelfunktion, die siemit Überzeugung nutzt. Sie sieht es gleich wie Susanne Rutishauser und Remo Biedermann: «Auch Stadtverwaltungen stehen in der Verantwortung, die UN-Behindertenkonvention umzusetzen.» «Aber nicht alles muss reguliert werden». «Es braucht ein echtes Interesse an Inklusion und Partizipation, nicht nur das Erfüllen einer Vorgabe». «Im Kanton wurden wichtige Schritte gemacht», sagt sie. Im November 2023 veröffentlichtedasSozialamtimAuftrag der Regierung einen Grundlagenbericht zur Umsetzung der UNBehindertenrechts-konvention. Im August 2024 folgte ein neues Gesetz zur Finanzierung von Leistungen für erwachseneMenschenmitBehinderung. Die ursprüngliche Fassung wurde vom Grossen Rat gestoppt. Diese basierte noch auf einem veralteten Behindertenkonzept aus der Zeit vor der Ratifizierung der UNKonvention im Jahr 2014. Nun liegt ein zeitgemässes Rahmenkonzept vor. «Ein gutes Konzept», sagt Zeitner, «an dem sich der Kanton nun orientiert.» Es greift auch zentrale Fragen zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt auf. Wie durchlässig sind bestehende Angebote? Wie gelingt der Schritt vom geschützten Arbeitsumfeld in eine reguläre Anstellung und zurück, wenn esnötigist? «VielenotwendigeStrukturen fehlen zwar noch», sagt Zeitner. Etwa bei der Finanzierung und der Zusammenarbeit mit der Wirtschaftt. «Aber: Der Anfang ist gemacht». Teil der Lösung INSOS Thurgau arbeitet auch auf Verbandsebeneaktivmit.Etwainder Arbeitsgruppe zur UN-Behindertenrechtskonvention, in der Menschen mit Behinderung selbst mitgestalten und mitentscheiden. «Partizipation muss viel stärker mitgedacht werden in den Städten, in den Vereinen, in allen Räumen des öffentlichen Lebens. Es braucht definitiv noch mehr Sensibilisierung» Dass Modelle wie jenes von mitschaffe.ch genau das leisten, zeigt die Praxis. Die Organisation mit Sitz in Schaffhausen vermittelt Menschen mit Behinderung über Personalverleih in reguläre Betriebe. Alles Administrative bleibt bei mitschaffe.ch, begleitet wird jede Stelle von einem Jobcoach. Über 140 Menschen sind so heute angestellt, mit steigender Tendenz. Das System funktioniert – weil es praxisnah ist. Und genau das wünschen sich auch Remo und Susanne: keine Sonderbehandlung, keine Umwege, sondern Normalität. «Wir sind nicht das Problem», sagt Susanne. «Wir sind Teil der Lösung.»
Von Desirée Müller