Ein gut gelaunter Kreuzlinger Stadtrat nach der ersten geglückten Halbzeitbilanz mit Publikum.
21.08.2025 08:00
Zwischen Vision und Realität
Am vergangenen Donnerstag fand die Halbzeitbilanz der Stadt Kreuzlingen statt
Die Stadt Kreuzlingen hat erstmals in ihrer Geschichte die Halbzeitbilanz einer Legislatur nicht nur im Stadtrat gezogen, sondern die Bevölkerung direkt dazu eingeladen. Mit diesem Schritt setzt die Stadt ein deutliches Zeichen für Transparenz und Beteiligung. Der Einladung in den Dreispitz folgten rund 150 Gäste.
Kreuzlingen Vor dem Kultur- und Sportzentrum Dreispitz reihten sich schon vor der Veranstaltung Stände von Vereinen und Institutionen aneinander. Die Besuchenden nutzen die Mitmach-Aktionen, informierten sich und kamen auch untereinander ins Gespräch. «Wir haben uns die Partizipation auf die Fahne geschrieben», sagte Stadtpräsident Thomas Niederberger in seiner Eröffnungsrede. Die Bevölkerung in alle Handlungen miteinzubeziehen sei das Ziel. «Heute wollen wir zeigen, wie weit wir mit der Umsetzung unseres Legislaturprogramms gekommen sind – und was noch ansteht.» Das aktuelle Programm geht auf ein breit abgestütztes Leitbild zurück, das 2023 in einem intensiven Beteiligungsprozess erarbeitet wurde. In Workshops, Umfragen und einer grossen Zukunftskonferenz konnten sich mehr als 1000 Kreuzlingerinnen und Kreuzlinger einbringen, unabhängig von Nationalität oder Pass. «Wir haben damit ein gemeinsames Bild entwickelt, wie sich Kreuzlingen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren entwickeln soll», erklärte Niederberger. Aus diesem Leitbild entstanden konkrete Ziele und Massnahmen für die Legislaturperiode 2023 bis 2027. Die Halbzeitbilanz zeigt nun: Rund sieben Prozent der Massnahmen sind abgeschlossen, knapp drei Viertel in Bearbeitung, ein Viertel noch pendent. Zwei Projekte wurden gestoppt, darunter die geplante Bühnenüberdachung des FC Kreuzlingen. «Wir sind insgesamt sehr gut unterwegs», so Niederberger.
Partizipation als Haltung
Einen Schwerpunkt setzte der Anlass beim Thema Beteiligung. Mit der neu geschaffenen Stabsstelle unter der Leitung von Anna Dietsche baut die Stadt eine systematische Partizipationskultur auf. Sowohl gegenüber der Bevölkerung als auch innerhalb der Verwaltung. «Partizipation ist kein Projekt, sondern eine Haltung», sagte Dietsche. Mit «Wir machen Stadt» will Kreuzlingen künftig verschiedenste Beteiligungsinitiativen bündeln. Erste konkrete Projekte laufen, etwa der «Quartier-Bulli», ein Anhänger als mobiles Begegnungsangebot, oder offene Mitmachformate in Kooperation mit Vereinen und Kulturinstitutionen. Auch intern bewegt sich die Verwaltung. In Workshops mit Mitarbeitenden wurde ein Leitbild erarbeitet, das Fragen der Zusammenarbeit, der Flexibilität und des Vertrauens behandelt. «Dieses Leitbild soll nicht in einer Schublade verschwinden, sondern gelebt und weiterentwickelt werden», betonte Niederberger. Digitalisierung und Service Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Ziel ist es, Verwaltungsprozesse so auszubauen, dass Anträge und Baugesuche rund um die Uhr online eingereicht werden können – «als echte Dienstleistung, ohne dass man dafür zur Verwaltung kommen muss», wie Niederberger erklärte. Parallel dazu schult die Stadt ihre Mitarbeitenden und erweitert das digitale Bürgerportal. Gemeinsam mit 79 weiteren Thurgauer Gemeinden arbeitet Kreuzlingen an kantonsweiten Projekten.
Grosse Infrastrukturprojekte
Breiten Raum nahm auch der Ausblick auf laufende und geplante Bauvorhaben ein. Vize-Stadtpräsident Thomas Beringer berichtete über den Neubau des Betriebsgebäudes von Energie Kreuzlingen, das dringend notwendig geworden sei, da die bestehenden Räume aus allen Nähten platzen. Nach einem Architekturwettbewerb und einer Volksabstimmung befindet sich das Projekt nun in der Detailplanung. Ziel sei es, das Bauvorhaben unter dem bewilligten Kreditrahmen abzuschliessen. Der Spatenstich ist für 2026 vorgesehen, der Umzug für 2028. Parallel dazu werden die städtischen Verwaltungsbauten saniert und erweitert. Bis 2030 soll ein Umzug erfolgen. «Wir wollen die Bevölkerung früh in diesen Prozess einbinden», betonte Niederberger. Deutlich greifbarer ist das neue Familien- und Freizeitbad Egelsee. Seit der Teilöffnung im Herbst 2023 haben bereits 250’000 Besucherinnen und Besucher das Bad genutzt – weit mehr als erwartet. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv, kleinere Mängel sollen laufend korrigiert werden. Auch die Zukunft der Bodensee-Arena steht an. Das 50 Jahre alte Gebäude muss dringend saniert werden, insbesondere im Bereich Brandschutz und Energie. Ende September entscheidet die Bevölkerung über den Kredit. «Die Arena ist nicht nur eine Sportstätte, sondern auch ein zentraler Veranstaltungsort für die Region», sagte Stadtrat Daniel Moos. Eine modernisierte Arena könnte zudem neue Impulse für Tourismus und Gastronomie bringen. Im Kulturbereich steht der Umbau des Kulturzentrums Schiesser an, das 2027 eröffnet werden soll. Hier geht es nicht nur um Sanierung, sondern auch um die dauerhafte Sicherung des Hauses für den Betrieb.
Stadtentwicklung im Zeichen von Klima und Qualität
Stadtrat Ernst Zülle hob die Bedeutung einer vorausschauenden Stadtentwicklung hervor. Die Ortsplanungsrevision ist abgeschlossen, nach acht Jahren und hunderten von Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Nun gehe es an die Umsetzung von neuen Wohnquartieren über Freiräume bis hin zu Begegnungsplätzen. Ein wichtiges Element ist die Aufwertung des öffentlichen Raums. Bereits eröffnet wurde der Chogenbach, weitere Bachöffnungen sind geplant. «Das schafft nicht nur Hochwasserschutz, sondern auch neue Lebensräume in den Quartieren», so Zülle. Ein weiteres Thema ist das Strassenbegleitgrün. Bäume und Begrünungen sollen die Lesbarkeit der Stadt verbessern und das Klima regulieren. «Eine Stadt ohne Bäume überhitzt», warnte Zülle – und verwies auf die Erfahrungen anderer Städte. Auch wenn dafür Parkplätze weichen müssen, sei diese Investition in die Zukunft notwendig. Schlüsselprojekt Ein besonderes Augenmerk legte Niederberger zudem auf den Hafenbahnhof. Das Projekt soll die Schnittstelle zwischen Bahn, Bus und See langfristig neu ordnen. Aktuell sucht die Stadt nach einem Investor und Betreiber, der das Areal entwickeln kann – inklusive eines Parkhauses und der Infrastruktur für Elektrobusse. «Das Ziel ist, die Stadt finanziell zu entlasten und dennoch die notwendige Mobilitätsdrehscheibe zu schaffen», erklärte Niederberger. Mit dem Hafenbahnhof will Kreuzlingen nicht nur ein städtebauliches Problem lösen, sondern auch die Weichen für die Verkehrsentwicklung der kommenden Jahre stellen. Offener Austausch Deutlich wurde an diesem Abend: Die Stadt will nicht nur informieren, sondern ins Gespräch kommen. Stadtschreiber Michael Stahl forderte die Anwesenden auf: «Kommen Sie zu uns, sprechen Sie uns direkt an.» Viele Bürgerinnen und Bürger nutzten diese Gelegenheit, stellten Fragen zu Energieversorgung, Verkehrsführung oder Finanzen. Die Diskussion machte sichtbar, dass die Bevölkerung nicht nur Anteil nimmt, sondern konkrete Anliegen einbringt. Niederberger betonte zum Schluss: «Diese Halbzeitbilanz ist kein Schlusspunkt, sondern ein Auftakt für die öffentliche Diskussion über die Zukunft unserer Stadt.»
Von Desirée Müller